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Lieb Vaterland PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Martin Reisbeck   
08.03.2005

Brutal möglichst!Ist es Zufall, dass Ministerpräsident Koch gerade jetzt zum Patriotismus aufruft? Mit mehr Liebe zur Scholle, zur Nation und zu allem Deutschen sollten wirtschaftliche Probleme in Deutschland wesentlich effektiver zu bewältigen sein, vertraute er in einem Interview der Tageszeitung „Die Welt“ an. Abgesehen von der Tatsache, dass das Springer-Blatt, die „BILD-Zeitung für´s Kleingedruckte“,  sich seit Jahren eifrig an der Demontage einer Regierung versucht, um noch vor der nächsten regulären Wahl konservative Spinner nach dem Vorbild peinlicher US Demagogen aus dem evangelikalen Lager ins Amt zu heben, hat Koch´s aktuelle Vaterlandsgrille mit hoher Wahrscheinlichkeit etwas mit Schiller zu tun.

 

Nutzt da einer vielleicht, oder versucht er ihn populistisch zu bedienen, den Schmacht der Deutschen nach dem erhebenden Denken und Fühlen des Klassizismus, das mit dem ganz und gar unappetitlichen Nationalsozialismus aufhörte zu existieren? Unübersehbar sehnt sich unser Volk nach mehr geistiger Substanz. Das wird deutlich, wenn Deutschland innig dem Geist und der Haltung seiner Dichter aus dem Weimar des 18. Jahrhunderts huldigt. Und besonders Schillers Werk, das 200 Jahre alt gerade im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses steht, berührt die Menschen. So scheinen die Klassiker und Romantiker manchem auf den ersten Blick gut geeignet als Substrat für Vaterländische Botschaften. Denn ihr Werk handelt von Freiheit, Schönheit und Harmonie. Es bietet sich in seiner ganzen Unschuld an, die Stimmung für verlockende Vorstellungen von einer heilen schönen und vor allem deutschen Welt zu bereiten. Kein raffinierter Demagoge, wer solcherart aktuelle Strömungen für sein Geschäft nicht zu nutzen versucht. In einer Zeit der Depression, in der nichts von Gewicht mehr zu verteilen ist, besonders nicht unter das Volk, scheint das Ideelle wieder an Boden zu gewinnen, zumal es ja auch nichts kostet.

 

Auf Bruchköbel, oder auf mich persönlich herunter gebrochen, bleibt der Koch´sche Ansatz nach mehr Patriotismus allerdings gewaltig im Rohr stecken. Galt es doch in unserer Republik über vierzig Jahre hin als unfein, wenn nicht geradezu faschismus-verdächtig, ein allzu emotionales Verhältnis zum eigenen Staat heraushängen zu lassen. Besonders die innerfamiliären Prämissen nach dem Niedergang des schändlichen Volkes waren alles andere als patriotisch ausgerichtet. Und unter den rauen Bedingungen, die ein Wirtschaftswunder erst möglich machten, fand man viel eher zügellosen Egoismus und die Freiheit sich über alle patriotischen Traditionen stellen zu können, als die Seele einer tief empfundenen Heimatidentität. Das Klima im Lande war vielmehr ausgerichtet auf die Zerschlagung von Traditionen. Auch die Familienbande sollten entgegen aller Lippenbekanntisse gelockert werden. Das waren und sind die Voraussetzungen, die einen Kapitalismus außer Rand und Band überhaupt erst ermöglichten. Und das war auch keineswegs erst das Werk der Linken nach 1968, sondern begann schon mit dem großen Schweigen der zwei Generationen, die nach dem verlorenen Krieg Scherben eines untergegangenen Volkes aufzusammeln hatten um ein neues Gemeinwesen daraus zu bauen.

 

Doch

 Koch wäre nicht die allseits bekannte, wie leider immer noch vakante Brechstange „größtmöglicher Aufklärung“ die zu aller Erstaunen, wenn´ s gerade passt, sogar Spendengelder aus „jüdischen Vermächtnissen“ sammelt, wenn er es nicht selbst am Besten wüsste: Tote Liebe kann keiner wecken!

 

Sein Patriotismusnebel sollte daher vielleicht nur eines bewirken: Er will einmal nur ein richtiger Landesvater sein. Das wird man als Ministerpräsident nicht zwangsläufig. Weil dazu nicht alleine das höchste Amt im Lande gebraucht wird, sondern viel mehr besondere moralische wie geistige Größe. Beides kann er seinen Landeskindern in spé aber nur ganz unvollkommen vermitteln. Was also eignet sich besser, als das Lostreten einer neuen Patriotismuswelle, auf der er dann wie selbstverständlich obenauf schwimmen könnte? Als Erfinder des Vaterlandes im 21. Jahrhundert. Ganz nebenbei bedient er damit auch bundesweit ein ganz spezielles Klientel, was Beobachter zu dem Schluss kommen lässt, dass wir es hier mit Ambitionen eines Lumpensammlers zu noch Höherem, als dem Sessel eines Ministerpräsidenten zu tun haben.

 

Der Ansatz seines vaterländischen Anliegens ist, wie gesagt, ein Rohrkrepierer. Völlig aus der Luft gegriffen. Das Volk, außer seinem ewig braunen Bodensatz natürlich, wird sich aufgrund einer spezifischen Sozialisation schwer tun mit Forderungen, an denen sich ja immer wieder Karrieristen aller Lager versuchen, wenn sie meinen, dass der eigene Namen im Zusammenhang mit Belangen von nationalem Kaliber mal wieder durch den Medienwald geistern soll. Das Volk, das Koch da im Sinn hat, kann Liebe zur Heimat nicht fühlen, geschweige denn seinen Nachfahren vermitteln. Als Politprofi, der sich durch das Gedärm einer Partei bis zur Wortführerschaft gedient hat, kann er dieses Unvermögen kaum übersehen haben. So zielt sein Aufruf also eher auf das Jungvolk, welches die Analysten spätestens seit dem Auftauchen der ersten „Gammler“, Mitte der Sechziger, ganz ohne Ideale dahindümpeln sehen. In einer neueren desillusionierten Generation kommt es gar bereits zu Rufen wie „Die Alten sollen den Löffel abgeben.“ In so einem emotionalen, wie kulturellen Vakuum will Koch den Hebel der Vaterlandsliebe ansetzen? Wo soll da so schnell Liebe herkommen?

 

Ganz klar, in Schulen und Universitäten muss wieder für das Vaterland gebetet und die Größe der Nation besungen werden. Die Fahne gehört nach seiner Lesart in den Klassenraum genauso, wie der dürre Leib des Gekreuzigten und zur Schulabschlussfeier wird die Nationalhymne in die Programmhefte verordnet. Das klingt nach Vergewaltigung, nach Liebe auf Verordnung von oben. Ist es aber nicht, wenn Koch seine legitim erworbene Bildungs- und Kulturhoheit im Lande der Hessen dafür bemüht. Wir erinnern uns in diesem Zusammenhang trotzdem gerne an den unerlaubten Einsatz von Schwarzgeld im Wahlkampf.

 

Da er mit seinem Patriotismusaufruf also kaum die patriotischen Abstinenzler der bürgerlichen Mitte gemeint haben kann, können wir gespannt sein, wie der Ministerpräsident seinen Schiller letztlich interpretieren wird, um die Menschen weg von Inhaltsleere und Beliebigkeit hin zum Edlen, Schönen und Guten einer Nation zu bewegen. Er hat aber sicher nicht begriffen, dass die allgemein verbreitete Lieblosigkeit das Werk vieler deutscher Regierungen ist und dass die Konservativen daran sogar überwiegenden Anteil haben. Er hat auch nicht begriffen, dass es größerer Anstrengung bedarf eine Wüste zum Blühen zu bringen, als im Schillerjahr eben mal dem Patriotismus zu huldigen.

 

Gerade da das Tagesgeschäft der hessischen Regierung weiterhin dem Vorschub eines zügellosen Mörderkapitalismus dient, mit seinem Aufbau von Bildungsbarrieren, oder der Zerschlagung von Hilfseinrichtungen für sozial Benachteiligte, erhält sein Ruf nach mehr Vaterlandsliebe den unangenehmen Beigeschmack von noch mehr Anspruchslosigkeit und dem Verzicht auf die letzten, verbliebenen sozialen Errungenschaften zugunsten seiner hohlen Phrase. Dabei sind Menschen wie Koch eigentlich die Wurzel des Übels und nicht etwa die von ihnen proklamierte fehlende Vaterlandsliebe. Politiker wie Koch tragen kausal zur Vergiftung des Klimas im Volke bei.

 

Ein Vaterland kann uns nur eine schöne Zeit hinweg über Jahrhunderte wieder schenken. Eine Zeit in Wohlstand und Frieden etwa. Eine Zeit vor allem des inneren Friedens. In den Schulen bereitet man solche Verhältnisse zum Beispiel nur mit intensiver, freier Bildung für alle Menschen vor, gleich welcher Herkunft. Und zwar ohne ständiges Dazwischenfunken politischen Tagesgeistes so, wie das in voller Hässlichkeit während der siebziger und achtziger Jahre von den Konservativen, wie von den Linken veranstaltet wurde, als das hohe Ansehen des gesamten Lehrerstandes den Bach hinunter ging, weil das gerade mal politisch opportun erschien. Vaterlandsliebe kann niemand fordern, auch kein Koch. Sie ist ein Geschenk der Zeit an die Menschen.

© Alle Rechte liegen bei den genannten Autoren.

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