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Dekadenz und Fäulnis PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Martin Reisbeck   
03.03.2005

Dekandenz im StadtraumKennen Sie die kleinen Plastikpferde aus dem Kaugummiautomaten? Haben Sie schon einmal einen Souvenirshop besucht? Warum ich das frage? Schauen Sie mal vor Rossdorf auf das Innere des Verkehrskreisels! Da steht etwas aus hellem Granit, was Sie früher für 10 Pfennig klein und aus Plastik vielleicht aus dem Automaten bekamen, wenn kein Kaugummi gerollt kam. Was da vor Rossdorf auf zwei Hufen in die Luft geht, sieht genau so aus, wie der Plunder aus Massivplastik, den man sich in jedem beliebigen Souvenirladen aufhalsen kann dann, wenn man nach anhaltendem Leersaufen von Sangittakübeln auch noch den letzten Rest an gutem Geschmack verloren hat.

Dekandenz im StadtraumStreng genommen kann man das Bild aus Stein auch nicht wirklich ein Pferd nennen. Die Beine sind im Verhältnis zum Gesamtkörper viel zu kräftig. Wie bei einem Kaltblüter, einem Ackergaul. Die Hufe sind teuflisch massig. Der Leib ist klein und gedrungen wie bei einem Pony, und der Hals ist lang wie der eines rassigen Araberhengstes. Die Mähne am Halsrücken trotzt an ihrem unteren Ende erfolgreich aber falsch der Schwerkraft. Der Strich der unteren Mähnenkante belegt deutlich, dass hier ein Steinmetz gerade der blasse Dunst verlassen hatte, wie der Haarstrich in einer Pferdemähne eigentlich zu laufen hat. Es sieht ganz so aus, als sei ihm das egal gewesen. Die Vorlage zum Exportschlager hat er wahrscheinlich eben mal schnell aus einem japanischen Manga-Comic herausgerissen.

Dekandenz im Stadtraum

Und der Kopf, oh Gott der Kopf ist streng genommen der eines chinesischen Drachen, dem die spitzen Zähne abgeschliffen wurden. Damit sich in Rossdorf auch wirklich kein Hasenfuß mehr gruselt, haben sie ihm eine Dentalschiene über die Zahnreihen modelliert. Zwischen den Hinterbeinen hat das arme Tier einen gewaltigen Kothaufen liegen in dem sein Schwanz ganz unhygienisch eintaucht. Damit die insgesamt statisch vollkommen falsch aufgebaute Pose des Steigens dem Export aus Indien nicht plötzlich die Hinterbeine bricht, hat man dem armen Tier auch noch einen spitzen Granitblock unter den Brustkorb gerammt. Das Tier fällt außerdem angesichts der Größe des umliegenden Rondells viel zu klein aus. Es ersäuft im Raum. Das waren mal ganz schnell und grob all die künstlerischen Aspekte am Standbild vor Rossdorfs Türen, die auch einem Laien sofort auffallen.Dekandenz im Stadtraum

Die wirklich traurigen Aspekte bei Betrachtung der Rossdorfer Chimäre kann ich Ihnen jetzt aber auch nicht mehr ersparen. Wenn Menschen mit Bildung und Geschmack in unserer Stadt das Sagen hätten, wäre dieser grottenschlechte, billige Versuch einer erbaulichen Stadtmöblierung niemals in unseren öffentlichen Raum gelangt. Man kann sich gut vorstellen, wie hier blindlings zu Werke gegangen wurde, aus den unterschiedlichsten Motivationen heraus. Ein korrektes, oder meinetwegen auch abstraktes Ross in passender Pose und in einer dem Platz angemessener Größe hätte einen Entwicklungsprozess erfordert. Zunächst hätte eine geistige Anstrengung einsetzen müssen, eine Regung, heraus aus fundierter Bildung und gemäßigter Verantwortlichkeit, da hier Fakten zu schaffen waren, die möglichst für Jahrzehnte, wenn nicht gar für eine längere Periode diesen Platz gestalten sollen. Eine solide Finanzierung hätte diesen Prozess begleiten müssen und schließlich wäre auch noch die Auswahl des richtigen Künstlers zeitintensiv gewesen. Mit solcherart korrekten Prozessen hätte man eventuell etwas von Wert und Dauer schaffen können, auf dass die Rossdorfer zu Recht stolz hätten sein könnten. Jetzt haben sie da etwas stehen, was sie getrost irgendwann einem Feind schenken können, wenn sie etwas Besseres gefunden haben.

Dekandenz im StadtraumHier waren im gesamten Schöpfungsprozess Werte nicht gefragt. Man wollte schnelle Ergebnisse. Der Exporteur wollte schnell etwas haben, was man verscherbeln kann. Dem Importeur ging es nicht anders. Und eine Handvoll geschmackloser Spendierhosen wollte ihr Geld in irgendwas Großes investieren. Ach ja, und zwei Politiker wollten sich eine weitere gesellschaftliche Großtat ohne weitere Anstrengung ans Revers heften. Damit hat die Öffentlichkeit genau das bekommen, was sie auch verdient hat. Weil sie zum Beispiel solcherart Menschen in ihrer Kommune ans Ruder lässt, ohne weiter davon Notiz zu nehmen mit welch billiger Attitüde sie die Ämter dann bekleiden. Und jeder Besucher mit nur ein wenig Format erkennt beim Einfahren in Rossdorf sofort die Nippes – Mentalität einer unterbelichteten Öffentlichkeit, die sich hier mit Comic-Pferdchen einen Anstrich von Wertigkeit geben will. Vor diesem Hintergrund wirkt das übrige Stadtgehabe mit Entwicklungspomade in unserem Rathaus geradezu infantil und hinterwäldlerisch.

Image Effekthascherei ist mittlerweile wichtiger, als solides Handwerk. Übrigens, man hätte es auch mit Phantasie versuchen können. Wenn man nur die paar Euro in echte Kunst investiert hätte. Es waren aber nur wenige Kröten für persönlichen Popanz übrig. Da sagt ein Verantwortlicher mit Spuren von Kultur: "Leute, das lassen wir lieber sein!" Im Kreisel von Rossdorf kann nun jeder deutlich sehen, worauf es auch in Zukunft im ganzen Lande hinausläuft, und was ganz bestimmt nicht mehr drin sein wird. Was auf breiter Front bei uns vorherrscht ist die umfassende Dominanz kommerzieller Interessen und damit einhergehend natürlich die Vollendung von Dekadenz.

© Alle Rechte liegen bei den genannten Autoren.

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