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Ist der Lionsclub noch zu retten? PDF Drucken E-Mail
Magazin Kapitel - Bruchköbel
Geschrieben von Martin Reisbeck   
04.02.2005

Der Club der hohen TiereDer „Lionsclub“ hat mal wieder allen gezeigt, wie das reibungslose Zusammenspiel von Staat und Wirtschaft funktioniert. Er beschafft sich zunächst ganz kostenbewusst einen Saal für parlamentarische Veranstaltungen der nichts kostet, aber richtig was hermacht. Kein Problem, wenn ein Clubmitglied im Sitzungssaal der Bruchköbel-Dawillichlebener Stadtverordneten zufällig Hausherr und gerne beflissen dienlich ist, wenn es denn das eigene Ansehen fördert. Genau das verstehen wir einfachen Menschen unter den vielzitierten „Beziehungen“. In analytischem Licht beleuchtet nennt man das zuweilen auch Profilneurose, könnte es aber auch strenggenommen als Vorteilsnahme im Amt bezeichnen. Die Clubmitglieder der „Lions“ schwingen sich vor unseren staunenden Augen zur gesellschaftlichen S-Klasse auf.

Sie laden alle Mitglieder der eigenen Sektion, als auch die angrenzenden Sektionen zu einem „außergewöhnlichen“ Vortrag ein. Die relativ simpel veranlagte Persönlichkeitsstruktur des klassischen Clubmitgliedes fühlt sich jedoch nur befriedigend angesprochen, wenn man einen Redner präsentiert der einzig das verkündet, was man als Mitglied auch wirklich hören will. In der Regel ist es das, was es sowieso schon weiß, aber nie so schön auszudrücken vermochte. Nie so, wie es das bekannte Talent des angekündigten Redners verspricht. Natürlich muss auch der Status des Redners stimmig zur Vorstellung von der eigenen gesellschaftlichen Stellung passen. Damit war der hessische Finanzminister Karlheinz Weimar garantiert die erste Wahl für ein Event zügellosen Dünkels. Wie sie sehen, lieber Leser, sind es eher die einfachen Zutaten, womit ein Clubabend bei den „Lions“ als Erfolg verbucht wird. Keine Zauberei.

 

Es nutzt dem für uns leicht zu durchschauenden Durchschnitts - „Lions“ aber selbst der erhabenste Moment nur einen Fliegenschiss, wenn nicht der „Pöbel“ auf der anderen Seite der Tafel gebührend Notiz von der Wichtigkeit der Clubmitglieder nimmt. Schließlich hebt man sich in einer von der Dummheit des Kapitals dominierten Gesellschaft nur als S-Klasse-Mensch ab,  wenn man auch permanent als solcher wahrgenommen wird. Die einfache Aufnahme in den Club ist in dieser Beziehung nicht nachhaltig genug. Dafür sorgen dann Fotografen, ein dem Clubmitglied eher nutzloser Menschenschlag, wenn er nicht sowohl seine Kamera bedienen könnte als auch darauf zu achten vermag, wann sich eine nach Öffentlichkeit dürstende Person neben einem noch wichtiger erscheinenden Mitglied der Veranstaltung befindet. Just in diesem Moment gilt es, auf den Auslöser der Kamera zu drücken. Den Rest erledigen Technik, wie auch die Professionalität der Abgelichteten.

 

Aber selbst das ist nur die halbe Befriedigung für das brennende Verlangen nach persönlicher Bedeutsamkeit. Zu einem Foto gehören unbedingt wohltemperierte Worte von allgemeiner Gültigkeit. Die Botschaft vom Unvermeidlichen braucht es, damit das Werk der Blender auch gesellschaftliche Wirkung zeitigt. Wichtig wird man eben nur, wenn man dem „Mann auf der Straße“ die Lehre vom eigenen erhabenen Handeln verkündet und es dieser einem auch noch als Manna von den Lippen lutscht. Für den Transport der Botschaft sucht man sich in den eigenen Reihen einen talentierten Schmierfinken. Einen Spitzendemagogen,  der in der Lage ist den vom krassen Eigennutz geprägten, privaten Clubabend sprachlich zu allgemeiner gesellschaftlicher Bedeutung hinauf zu stilisieren. Nur die „Lions“ wissen, wer das im aktuellen Fall war. Wir, die staunenden Adressaten der gewichtig aufgemachten Clubnachrichten auf Seite eins des örtlichen Verkündungsblättchens der Bruchköbeler Stadtjunta (Bruchköbeler Kurier) staunen nur mal wieder über eine „Pressemitteilung“, für die offensichtlich keine natürliche Person offen die Verantwortung übernehmen will.

 

Alle Beteiligten dieser aktuellen Lokalposse sind aber so einfach gestrickt, dass aus den Zeilen des publizistischen Machwerkes genau das schlichte Gedankengut konservativen Opportunismus’ tropft, wie es uns selbst in überzogenen Darstellungen der klassischen Literatur nicht exemplarischer entgegentreten kann. Der Autor nennt übrigens sich und den Rest der Veranstaltung „illustres Publikum“. Dieser erschreckenden perspektivischen Schräglage habe ich nichts hinzuzufügen, bestätigt sie doch wieder sehr anschaulich die krasse Diskrepanz zwischen Selbst- und Fremdeinschätzung.

 

Besonders schlimm stoßen die Passagen auf, in denen der „Lionsclub“ meint, „die Bevölkerung“ muss endlich etwas verstehen. Mit diesen Worten bildet sich deutlich das primitive Klassenmodell einer Gesellschaft ab, wie sie von diesem Club kolportiert wird. Auf der einen Seite befinden sich edle Individuen, die etwas leisten und auf der anderen Seite steht die faule und trostlose Masse derer, denen huldvoll Arbeit und Almosen gegeben wird. Für die wenigen, die noch Arbeit haben sollte es nach der Lesart des CDU-Ministers und seines Gastgebers kein Problem mehr sein, mindestens zwei Stunden mehr zu arbeiten. Der Verknappung von Arbeit aufgrund voranschreitender Automatisierung wird vom Volke mit Angst begegnet. Und hier wird deutlich: Der „illustre“ Club und sein vom Geld des Volkes lebender Redner stehen für das Ausnutzen dieser Existenzangst. Der Wähler sollte sich gut daran erinnern, wenn die nächsten Kreuzchen zu verteilen sind.

 

Die Deutung des Passus mit den Steuerflüchtigen, die dann Steuern bezahlen würden, wenn die Sätze niedriger ausfallen bedarf kaum noch eines Kommentares. In diesen Kreisen wird die Flucht aus den Steuern nicht als Delikt, sondern als Notwendigkeit angesehen, die der Erhaltung des eigenen Status zugrunde liegt. Ein Zwangsabzug, ähnlich dem des Lohnsteuermodelles wäre die einzig geeignete Maßnahme, wie man gültigem Recht auch unter solch hart gesottenen Mitbürgern zur Geltung verhilft. Allerdings ist das mit den bürgerlichen Parteien kaum durchführbar, profitieren doch deren Mitglieder fast alle von dem einen oder anderen Schlupfloch im Gesetzestext.

 

Dann war da noch etwas in dem grobschlächtigen Pamphlet zu lesen, was den Bruchköbelern den geistigen Zustand des Menschen der „besseren Gesellschaft“ auf das Dramatischste offenbarte. Wirtschaftlicher Erfolg habe angeblich keinen Stellenwert in unserer Gesellschaft. Wer etwas leistet, solle wieder belohnt werden und wer Glück beim Geld verdienen hatte sollte nicht länger Mittelpunkt einer Neid- und Missgunstdiskussion sein. Es rührt uns schon fast das Mitleid an, wie die nach eigenem Bekunden erfolgreichen Menschen unter ihrem Status zu leiden haben. Hier hören wir fast weinerlich aus betroffenem Munde, dass Wohlstand alleine nicht glücklich macht. Nein, die Besserverdienenden wollen daneben auch von der Masse geliebt und geachtet werden. Zum Glück ist Liebe und Achtung genau das, was diese der Realität entfremdete Gesellschaft sich nicht kaufen kann. Selbst wenn sie noch so breit in die gekauften Kameras grinst. Aber dass sie jetzt auch noch anfangen, um das letzte Gut zu betteln, was Geld nicht bezahlen kann, ist doch schon der Abgrund an Geschmacklosigkeit. Finden Sie das nicht auch, lieber Mitwähler?

© Alle Rechte liegen bei den genannten Autoren.

so much
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