|
In meinem Lebensalter wäre es Unsinn, eine derart grundlegende Überzeugung noch einmal einer grundsätzlichen Prüfung zu unterziehen. Darüber hinaus wurde ich das Gefühl nicht los, dass dieses Buch wahrscheinlich Kommunisten ermutigen würde.
Keiner nimmt den Kommunismus heute noch wirklich ernst. Doch komischerweise hat er fast zufällig die gesamte Welt übernommen – einschließlich der Vereinigten Staaten. Die Kosten von Ruhestandszahlungen sind kollektiviert worden. Gesundheitsfürsorge ist zum großen Teil kollektiviert worden – sowohl durch Druck der Regierung als auch durch die Versicherungsbranche. Risiken aller Art, einschließlich finanzieller Risiken, sind so weit verbreitet, dass niemand wirklich weiß, wie weit sie sich erstrecken. Wer wird letztendlich der Verlierer sein, wenn jemand seine Hypothek in San Diego nicht bezahlt. Schwer zu sagen. Das Risiko ist ja kollektiviert worden.
Und moderne Unternehmen sind kaum mit den Ausbeutern der marxistischen Vorstellungswelt zu vergleichen. Auf der anderen Seite werden öffentliche Unternehmen nun "vom Volk" in Besitz genommen, durch Millionen von kleinen Anteilseignern und Anlagefonds. Letztere werden dergestalt verwaltet, dass es fast ausgemachte Sache ist, dass die Kapitalisten niemals Geld machen werden. Die Dividendenerträge z.B. liegen bei unter 2 %, wohingegen die Inflationsrate bei 3,3 % liegt. Die Investoren finden sich mit dieser Dividende ab, obwohl sie, unter der Voraussetzung gleichbleibender Aktienkurse, auf einen jährlichen Nettoverlust von 1,3 % hinausläuft. Die Kapitalisten beuten folglich nicht mehr das Proletariat aus. Statt dessen beuten die Arbeiter die Kapitalisten aus.
Als Beleg dafür mag der letzte Bericht von General Motors dienen. Der Automobilgigant hat dringenden Bedarf an Bargeld. "Liquidität ist Sauerstoff für uns", ließ der Geschäftsführer von GM verlautbaren. Doch die Kosten für Bargeld steigen kontinuierlich. Die Anleihen von GM werden einem fast hinterher geworfen, da die Firma es nicht geschafft hat, ihre Gewinnerwartungen zu erreichen. Grund dafür ist, dass die Gesundheitskosten für Angestellte sich als viel höher als erwartet erwiesen. GM ist offensichtlich nichts weiter als ein Riesenkollektiv im Besitz von amerikanischen Verbrauchern, die sich zu Kapitalisten gewandelt haben. Die Firma wird betrieben von Arbeitern, die zu Mietern mutiert sind, und sie wird finanziert von Kreditgebern, die dies langsam bedauern.
Es gibt einen anderen Grund, weswegen ich damit rechnete, das Buch von Surowiecki nicht zu mögen. Der Autor hatte in dem Magazin The New Yorker einen törichten Artikel über Gold geschrieben. Dies disqualifiziert ihn natürlich nicht zwangsläufig vollständig für zukünftige Beiträge zum allgemeinen Verständnis der Menschheit von der sie umgebenden Welt, doch es war durchaus ein schlechtes Omen. "Große Gruppen von Menschen sind klüger als eine kleine Elite, wie herausragend diese auch sein mag. Sie sind besser darin, Probleme zu lösen, Innovationen zu fördern, weise Entschlüsse zu finden und selbst die Zukunft vorherzusehen", verkündete der Buchumschlag lauthals. War es eine große Gruppe von Menschen, die Shakespeares Sonetten schrieb?, fragte ich mich. War es eine große Gruppe von Menschen, welche die Baskenmütze erfand, oder knusprige Enten?
Es war andererseits eine große Gruppe von Menschen, die euphorisch in den ersten und zweiten Weltkrieg zogen. Und was ist mit der Menschenmenge die ausrief: "Kreuzigt ihn", als man sie fragte, was man mit dem Nazarener machen solle? Nun, da ich das Buch zur Hälfte gelesen habe, fühle ich ein leichtes Bedauern, denn das Buch ist nicht schlecht. Es ist auf eine etwas reizende Art irreführend.
Die Idee des Buches ist, dass Menschenmengen intelligent agieren. Das ist im Kern niemals bezweifelt worden. Man sagt "zwei Köpfe sind besser als einer". Tatsächlich sind zwei Köpfe auch oftmals besser als zwei andere. Menschen mit unterschiedlichen Ansichten, unterschiedlichem Geschmack und unterschiedlichen intellektuellen Fähigkeiten zusammenzubringen, kann eine Art von Magie zur Entfaltung bringen, in der die Talente aller Beteiligten multipliziert werden. Surowiecki liefert dafür viele Beispiele. Auch ich habe meine ganz eigenen Beispiele: Laurel und Hardy, Bogart und Bacall, Bonny und Clyde, Jack und Daniels.
Ek aur ek guyazah
Andererseits bedeutet es natürlich nicht, dass jedes Mal, wenn man nur genügend Schwachköpfe zusammenbringt, diese auf einmal in der Lage wären, gute Musik zu schreiben, oder eine Atombombe zu bauen. Nicht einmal hundert der klügsten Leute auf diesem Planeten könnten uns besser sagen, was wir zum Frühstück wollen als wir selber. Es werden auch keine besseren Ergebnisse erzielt, wenn hundert Ja-Sager um einen Tisch herumsitzen, die keine eigene Meinung haben. Stattdessen wird lediglich der Gruppenführer in seinen schwachsinnigen Ideen bestärkt. Selbst in Gruppen von anständigen Menschen laufen Sie Gefahr, eingeschüchtert oder beschwindelt zu werden.
Die Bolschewisten und Syndikalisten hatten jedoch in einem Recht: Kollektive funktionieren. Kollektive richten jedoch immer ein heilloses Unheil an, wenn sie auf etwas bestehen. Die einzigen Kollektive, die funktionieren, sind freiwillige Kollektive: Familien, soziale Gruppen, religiöse Gruppen, Unternehmen – ziemlich genau die Gruppen, die Kollektivisten immer zerstören wollten. Nichts davon ist eine schlagende neue Erkenntnis. Adam Smith, Adam Ferguson und Generationen von Naturphilosophen und Wirtschaftwissenschaftler haben daran über Jahre gearbeitet.
Was jedoch überaus interessant an der Weisheit der Massen ist, über die Surowiecki schreibt, ist etwas, das er ebenfalls wie der Wirtschaftswissenschaftler Hayek als "spontane Ordnung" bezeichnet. Er scheint verblüfft und vielleicht sogar enttäuscht, dass Menschen ihr alltägliches Leben führen und ihre eigenen Sachen auf die Reihe kriegen ohne irgend jemand um Hilfe bitten zu müssen. Es ist fast so, als habe er noch niemals von Kultur, Vertrauen, Fairness, Konventionen oder Traditionen gehört. Oder von den Abermillionen kleinen Akten der Zusammenarbeit, welche die Zivilisation erst ermöglichen. Dies macht das Buch interessant zu lesen. Es ist so, als ob man einen baptistischen Teenager zum ersten Mal ins Hurenhaus führt. "Das ist also alles, was dahinter steckt?", fragt er dann vielleicht, während sein Puls zu rasen beginnt. Und Sie antworten: "Ja. Was dachtest du denn?"
Ich habe bis jetzt jedoch erst eine Hälfte des Buches gelesen. Bald mehr davon ...
Wir danken dem Investor Verlag Bonn für die freundliche Überlassung des Artikels. Investor's Daily, den kostenlosen täglichen E-Maildienst für Investoren können Sie hier anfordern: www.investor-verlag.de |