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gemein unabhängig - bösartig modern - 7. Jahrgang - September 2010
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65 Grad stockt Eiweiß PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Martin Reisbeck   
14.07.2010

gerupftes HuhnVerkehrsminister Peter Ramsauer hat die Amtsführung der ruhigen Hand erfunden: „Natürlich muss den betroffenen Passagieren in solchen Notsituationen schnell und pragmatisch geholfen werden. Man muss die Kirche aber auch im Dorf lassen. Es ist niemand dauerhaft geschädigt worden. Die Deutsche Bahn hat täglich 255 ICE im Einsatz und transportiert pro Tag 7,3 Millionen Menschen. Wenn jetzt bei fünf Zügen die Klimaanlage ausfällt, sollte das nicht zur nationalen Tragödie hoch stilisiert werden – so ärgerlich das Ganze für die Betroffenen auch ist,"  chillt er cool in die Kameras hinein.

Unser Mann für' s Grobe im Verkehr bezieht damit Stellung zur körperlichen Schädigung von Reisenden durch stundenlange Hitzeeinwirkung. Angesichts der Tatsache, dass Sicherheit, Komfort und Service zugunsten glänzend polierter Bilanzen systematisch auf der Strecke bleiben, sollte Ramsauer uns, nach der Konkretisierung seiner Obrigkeitsversion von körperlicher Unversehrtheit in der Bahn, anständigerweise den Rücktritt anbieten.

Das edle Sitzfleisch des rustikalen Ministers wird standesgerecht in klimatisierten Kutschen von A nach B chauffiert. Hat er Durst, über die Bordmittel hinaus, läßt er am Edelschuppen anhalten. Wenn ihm mal fad wird, vertritt er sich die steife Ministerstelze an schattigem Waldstück. Der Mann kann sich nicht mehr erinnern wie Peter einst leben musste. Kein Wort des Bedauerns. Empathie war vom Kopf des Verkehrs sowieso nicht zu erwarten. Gargekochte Passagiere tragen eher Kirchen aus seinem bayuvarischen Gemütsdorf heraus, als dass er sich entschuldigt. Die inneren Weiler seiner Verantwortung künden von bedeutenderen Tempeln. Nicht die schnöde Unversehrtheit ihm anvertrauter Passagiere ist wichtig. Aktienkurse, Dividende und Ruhm!

Selbst wenn niemand rohe Eier mitführte, löst bereits eine Reise in notorisch überbuchten, klimatisierten ICE-Zügen dauerhafte Schädigungen aus. Von der vollzogenen, endgültigen Zerstörung des königlichen Kundenstatus abgesehen, beschädigt Ramsauer‘ s Eisenbahn-Version permanent unsere Geldbörse. Reisen nach Ramsauer sind keinen Pfifferling wert. Über den Alltag des Systems spricht aber keiner mehr. Verspätungen? Der Hype ist weitergezogen. Menschenleben jahrelang durch defekte Radachsen potentiell gefährdet, ist kein Thema. Radreifen, Materialermüdung, Enschede. Wir bezahlen auch schon mal mit dem Leben. Solange es nicht zur nationalen Tragödie kommt. Hohe Preise für unzulänglichen Nahverkehr sind da normal. Dass es unser aller Deutsche Bahn ist, die an dividendenhungrige Trittbrettfahrer verscherbelt werden soll, das ist reale, nationale Tragödie. Wie auch die, dass wir solche Politiker in einer Regierung haben, die eigentlich unsere Interessen vertreten soll.

Mit seiner gechillten Ansage hat sich Ramsauer's Peter ganz weit geöffnet. Frei zur Besichtigung eines vollkommen normal gekommenen Innenlebens im geschützten Biotop der politischen Eliten. Werden Ignoranten in Amt und Würden gehoben, waren wir wohl nicht clever genug. Irgendwann kommen die Dummen, um die Bahn zu kaufen. Bekanntlich stehen jeden Tag mindestens zwei neue davon auf. Dann gibt' s wieder Tote und mit ihnen die nationale, ramsauerische Tragödie. Garantiert.

© Alle Rechte liegen bei den genannten Autoren.

so much
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