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gemein unabhängig - bösartig modern - 7. Jahrgang - Juli 2010
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Pickelgesichter PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Martin Reisbeck   
02.03.2010

Ach Gott, Leute ihr kennt sie noch, diese Vollbekloppten mit denen ihr nie was zu tun haben wolltet, die sich aber immer an einen drangehängt haben, obwohl sie doch Papas Liebling waren. Keine eigenen Freunde, nur Loser (engl. Verlierer, sprich: luuser) um sie rum. Wie Mädels drunter aussehen, kannten sie ausschließlich aus dem vollgekleckerten Hochglanzmagazin. Sie mussten noch brav in die Kirche gehen, als wir schon längst in London und Amsterdam auf wilden Parties selbstvergessen den wiederlichen Muff von Nachkriegsdeutschland egalisiert haben. So einen Verlierer nannten wir gnadenlos "Pickelgesicht". Obwohl auch wir nicht frei von Pickeln waren.

Wahrlich, diese Elenden sind für's Leben gezeichnet. Nicht nur die uraltalte, vernarbte Akne steht ihnen heute noch ins Gesicht geschrieben. Nein, man sieht sogar noch, nach über dreißig Jahren das Bittere der hunderttausend Erniedrigungen in ihrem Minenspiel, am Habitus und hört es in der Sprache: Kalter Frust auf zwei Beinen. All die Erniedrigungen, die sie von uns schlucken mussten, bis sie durch den Schleim krochen und endlich oben waren um selbst auszuteilen. Kannst Du dir vorstellen, was so einer für ein krummer Hund wird? So ein Loser, der oben angekommen ist? Ja, jeder kennt sie. Jeder hat welche in seinem Umfeld gehabt, oder muss heute unter ihnen leiden.

Das Schlimme: Sie bleiben ewig das, was sie schon immer waren. Sie verstecken heute ihren Schiss nur besser und im Verstellen sind sie wahre Meister geworden. Auch heute noch wollen sie nur ihrem Papa gefallen. Sie haben nicht gemerkt, dass er schon längst gestorben ist. Man kann sie nicht mehr beleidigen, weil sie wirklich jede mögliche und unmöglich Beleidigung schon geschluckt haben. Man kann ihnen beliebig in die Fresse hauen und sie lächeln dazu. Keine Sache ist ihnen zu dreckig. An exponierter Stelle angelangt, treiben sie eine Sau nach der anderen durch die Republik nur, dass man bitte, bitte über sie spricht oder schreibt. Sie geben den Elder Statesman, obwohl sie so große Dreckklumpen am Stecken tragen, dass ihnen kein ernst zu nehmender Mensch mehr von hier nach dort traut. Das aber ignoriert der Loser vollkommen, solange er nur Abhängige quälen kann und in aller Munde ist.

Am besten gefallen ihnen noch fettere Loser. Auf Verlierern können sie es sich so richtig gemütlich machen. Deshalb gefällt ihnen das Hartz IV-Thema auch so außerordentlich gut.  Kaum hat es das eine Pickelgesicht mit den armen Arbeitslosen richtig bunt getrieben, kommt das nächste Pickelgesicht und nimmt sich die Bedauernswertesten unserer Gesellschaft noch einmal genüßlich von hinten vor.  Arbeitslose sind tatsächlich ihre Lieblingsdeppen, weil die sich nicht wehren können und niemand für die einspringt. Das mögen Loser ungemein, wenn einer sich nicht wehren kann.

Oh ja, diese hinterlistigen Verlierer kennen wirklich alle Gründe, warum jemand arbeitslos wird. In den wenigsten Fällen hat das was mit einem Faulenzer zu tun. Die Zahl dieser Fälle ist vollkommen nicht erwähnenswert im Maßstab einer Volkswirtschaft. Nein, die industrielle Revolution ist vorbei, der Kapitalismus ist vorüber und der Spätkapitalismus geht um. Genau so, wie es einst von Marx visionär und bis hinein ins Detail richtig vorhergesagt wurde. Dazu killt eine für Marx unvorhersehbare elektronische Revolution die verbliebenen Arbeiter, während eine ungehemmte Globalisierung dem letzten Werktätigen die Maschinen unter den Händen wegreißt. Klar wissen diese Loser alles über die wirklichen Gründe der Arbeitslosigkeit. Schließlich haben sie was von Volkswirtschaft gelernt, als sie selbst noch durch die stinkende Gedärme ihrer ehemaligen Alphatiere kriechen und buckeln mußten. Der Arbeitslose taugt halt dann besonders für so einen satten populistischen Hieb, wenn man ihn als dreckigen Faulenzer hinstellt. Wenn' s den Losern gerade schlecht geht dann, wenn die alten Narben jucken, sind die Arbeitslosen wieder dran. Hach, man hört dann die eigene Faust so satt ins fremde Fleisch klatschen und bekommt dabei feuchte Unterhosen. Man fühlt sich als Loser einfach besser, wenn man jemandem so richtig einschenken kann, dem es noch dreckiger geht. Frust ablassen kann man dazu aber eigentlich nicht sagen. Weil der aufgestaute Frust bei so einem Loser für mindestens zehn Leben reicht. Sowas kann man durch Ablassen unmöglich noch loswerden. Das ganze eigene, beschissene, verkorkste Leben ist nämlich längst in diesem Elend versunken.

Ja Leute, glaubt es mir. Diese beiden Pickelgesichter sind bei all der Macht immer noch erbärmliche Verlierer mit feuchten Hosen, stinkenden Socken und Angst vor dem eigenen Schatten. Weil einmal Loser, ist immer Loser. Den Gestank kriegst du einfach nicht mehr aus den Klamotten raus. Egal, ob die Anzüge in Mailand, Wiesbaden oder Berlin gekauft werden. Ein Loser kann nie gewinnen, egal wie hoch er fliegt. Wir haben sie damals nämlich gründlich kaputt gemacht, als sie bei uns nicht mitmachen durften und sie nur noch bei der Jungen Union und den Jungdemokraten genommen wurden. Weil dort schon Ihresgleichen auf siue wartete, um die Neuen quälen zu können. Das verlorene Leben holen die nie mehr rein. Das Üble sitzt in ihnen fest für’s ganze Leben und korrumpiert sogar die schönste Macht, die jeder andere von uns einfach nur in vollen Zügen genießen würde. Sie aber bleiben die ewige Pickelfresse, die nie zufrieden sein wird. Jeder kennt so einen und je älter sie werden, desto gefährlicher sind sie für die Mitmenschen. Ich bin wahrlich nicht stolz auf das, was wir aus diesen bedauernswerten Kreaturen gemacht haben. Wären wir früher einfach nur nett zu ihnen gewesen, hätten wir ihre bodenlose, unerträgliche Blödheit einfach stoisch an uns abperlen lassen, wären sie uns heute nicht diese elenden Eiterpickel am Arsch! Das war wirklich ein ganz dummer Fehler von uns, Leute.

© Alle Rechte liegen bei den genannten Autoren.

so much
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