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Sogenannte radikale Prosa PDF Drucken E-Mail
Verfasst von mordor   
31.01.2009

Eine Zuschrift, die sich mit dem Artikel "Vom Himmel hoch" beschäftigt, hat uns doch noch erreicht. Eines scheinen die meisten Kritiker gemeinsam zu haben: Sie sind feige. So auch dieser Analytiker, der lieber anonym bleiben will. Angesichts der aktuellen, teilweise erbittert geführten Diskussion zu Israel und Palästina innerhalb der deutschen Linken erscheint uns diese Meinung aber trotz der Anonymität interessant. Sie bringt das eigentlich Spaltende im aktuellen linken Disput deutlich auf den Punkt.

Der Schriftsteller, Dichter und Performancekünstler Hartmut Barth-Engelbart versucht sich seit Jahren durch teils scharfzüngige, teils bis ins vulgäre reichende politische Schriften und Gesellschaftskritiken bekannt zu machen. Seine radikale Prosa offenbart einen assoziativkettenhaften Ansatz, der sich mit den Ereignissen im Gazastreifen zu Ende des Jahres 2008, nach jahrelangem politischem Hyperventilieren abseits medialer Aufmerksamkeit, vollends in antisemitische Argumentation und rechte Rhetorik hineinverdichtet zu haben scheint.

Hier eine Auseinandersetzung mit seinem Artikel „Vom Himmel hoch“. Besonders geht es hier um die Frage, warum es sich dabei um einen antisemitischen Text handelt.

1. Herr Barth-Engelbarth schreibt, die vorconstantinischen Cäsaren hätten keinen Unterschied zwischen Juden und Christen gekannt. Der Gedanke daran muss ihm sympathisch vorkommen, hat doch auch er sich die komfortable Situation geschaffen, den Unterschied zwischen Juden und Christen niemandem umständlich erklären zu müssen. Er benutzt wie die Rechtsextremen auf ihren Homepagen, Aufmärschen und T-Shirts den Code „USrael“ und hofft, dass man ihn blind versteht. USrael: Israel, USA, Jude, Wallstreet. Capito? Grinsen hie, Grinsen da. Capito.

2. Herrn Barth-Engelbarths illegale israelische Siedlungen sind staatsrechtlich gesehen keine israelischen. Und illegale Siedlungen auf nichtisraelischem Boden sind auch für den Staat Israel längst selbst eingestanden ein Problem. Herr Bart-Engelbart differenziert das nicht aus, sondern verschweigt absichtsvoll den Rückzug Israels aus dem Gazastreifens und die Räumung der Siedlungen seit 2005. Denn für Israelgegner sind die Siedlungen ein Geschenk. Das Schlimmste was aus deren Sicht passieren könnte wäre, dass alle Siedlungen auch im Westjordanland verschwänden. Bieten sie doch immer wieder die Gelegenheit, jeden Ansatz zu Verhandlungen mit Intifaden, Anschlägen und Raketenbeschuss zu begleiten und israelischen Teilzugeständnissen, also Schritten, die anderswo als Politik gelten, die Anerkennung zu verweigern. 

3. Herr Bart-Engelbart greift die geschichtsklitternde Analogie der antisemitischen Al-kaida auf, nach der heutige „Kreuzfahrer“ in Gestalt der „usraelischen Armee“ und der EU gegen den nahen Osten, die freieste und demokratischste aller Weltgegenden, am Werk sind. Al-kaida, Hamas und alle, die Bomben auf zivile jüdische Ziele und Menschen nicht als Kollateralschaden, sondern als Zweck der antisemitischen Übung ansehen, werden ihm darin vorbehaltlos zustimmen. Und dazu die NPD. Die hält sich so wie Herr Bart-Engelbart für den wahren Freund des palästinensischen Volkes.

4. Was soll man zu Herrn Bart-Engelbarts wirren Gleichsetzungen sagen, von urlaubenden Rentnern mit zwecks intendierter Ermordung deportierten Juden, von EU- und US-“Raubzügen“ mit den Völkerverbrechen von NS-SS-Gestapo? Noch dazu deliriert er über Israels „Blitzkrieg“, den er offenbar mit NS-Mansteins Blitzkriegstaktiken assoziiert sehen will. Deportierte Juden werden bei Herrn Bart-Engelbart zu „internierten Juden aus ganz Europa“, zu politischen Gefangenen verharmlost. Verräterische Sprache.

5. Wenn es dem erregten Kritiker „USraels“ am Ende dann doch mulmig wird, weil das Auditorium entgeistert auf den Vortragenden starrt, setzt ein alt bekannter Mechanismus ein. In peinlichen Momenten wie diesen ersinnen sich die Kritiker „USraels“ ihren „guten Juden“, den sie von irgend woher kennen wollen und der ihnen als Kronzeuge herzuhalten hat. Bei Herrn Bart-Engelbart übernimmt diese Funktion eine „Ruth P. aus London“, die es entweder nur in der Phantasie von Herrn Barth-Engelbart gibt oder die nichts vom Glück ihrer willkürlichen Erwähnung im Rahmen eines antisemitischen Textes ahnen dürfte. „Ruth P. aus London“ ist sein direkter Draht zu niemand Geringerem als den Opfern im Warschauer Ghetto. „Ruth P. aus London“ soll ihn auf den Gedanken gebracht haben, dass Arafats Nachfolger Abbas einem mit Nazis kollaborierenden jüdischen Polizisten gleichkommt. „Ruth P. aus London“ hat ihm geflüstert, dass die Intentionen der Hamas, die erklärtermaßen Israel auslöschen will, wesensverwandt sind mit denen der aufständischen Juden des Warschauer Ghettos. So offen antisemitisch und zynisch sind diese Vergleiche, dass sie wohl dem Autor selbst unheimlich geworden sein müssen. Nicht dass er sie ob dieser Erkenntnis einfach lieber mal sein gelassen hätte. Er schiebt sie, um sie dennoch loszuwerden, „Ruth P. aus London“ in den Mund. Da ist er selbst es nicht gewesen.

Fazit, ist Herrn Bart-Engelbarts Pamphlet als antisemitisch einzustufen?

Ja. Ist es. Es gärt in Herrn Barth-Engelbarts textlichem Elaborat die Ansicht aller Antisemiten vom Juden als Weltfeind vor sich hin, der kein Recht auf einen eigenen Staat hat. Der antisemitische Blick imaginiert Israel als den Juden unter den Staaten. Wehrt sich Israel, betreibt es Völkermord. Wehrt es sich nicht, interpretiert das der Antisemit als Gelegenheit. Israel kann im geistigen Universum des Antisemiten machen was immer es will, es wird niemals richtig handeln. Der Antisemit erkennt die Existenz Israels nicht an. Im antisemitischen Weltbild darf Israel höchstens als „USrael“ existieren, solange man es noch nicht von der Erdoberfläche getilgt hat. Mit der rechten Codebezeichnung „USrael“ negieren Antisemiten die Existenzberechtigung Israels, und, verräterischer noch, die Anlässe, die zur Gründung des Staates Israel als Zufluchtsort führen mussten.

Als linker Liedermacher, der Herr Barth-Engelbarth zu sein vorgibt, muss man von alledem entweder nichts begriffen haben, oder man benutzt das Wörtchen „links“ als Tarnkappe.

© Alle Rechte liegen bei den genannten Autoren.

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