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Vom Tiefschlaf ins Koma PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Martin Reisbeck   
27.09.2008

Früher fand Politik mit Menschen statt, die vom Wohlstand geprägt, gut situiert darüber nachdenken konnten, was sie ihrem Land zurückgeben können. Die Parlamente waren so vom teilweise erbittert geführten Wettstreit der Parteien erfüllt, über den eine gut informierte Presse fundiert berichten konnte. In Bruchköbel bedarf es heute schon besonders raffiniert ausgefeilter Leserbriefe aufgeweckter Bürger, um die Genossen einer faktischen, jedoch nie deklarierten Großen Koalition zur Herausgabe von Informationen zu bewegen.

Mit der Leserbrief-Antwort des Führers der SPD-Fraktion ist das wieder einmal gelungen. Zusammen mit der peinlichen Stadtmarketing-Pressemitteilung des verbindlich-verlässlichen Elektromeisters, entsteht nunmehr ein Bild vom Putsch der „Dritten Garnitur“ in Bruchköbel.

Perry von Wittich gibt in seiner Replik zu, dass im interfraktionellen Schlafsaal geheimes Getuschel zwischen CDU und SPD stattfand. Dabei soll der Vorsitz des Haupt- und Finanzausschusses an die SPD gegangen sein. Die Große Koalition, Pardon Kooperation, nimmt Formen an. (Was passiert eigentlich mit der Kleinen?) Der SPD-Mann spricht von einem „selbstbewusst formulierten Anspruch“ aufgrund von Stärke. Bevor die bloße Vorstellung von seiner eigenen Kraft anfängt unangemessen in die Höhe zu sprießen, muss ich schnell zum Wecken rufen: Es handelt sich bei den Vorgängen im Parlament von Bruchköbel garantiert nicht um die wundersame Erstarkung der SPD. Wir haben es vielmehr mit einer beispiellosen Erschlaffung in der CDU zu tun.

Konkret wirkt sich in der CDU die allseits bekannte, private Schwäche des Herrn Maibach aus. Die Schwäche, die ihn 2006 unangemessen in die Geschicke seiner Partei eingreifen ließ. In der Folge verlor die CDU im Parlament die absolute Mehrheit. Dann schnappte er nach dem Bürgermeistersessel, weil der rettende Stadtratposten nicht zu bekommen war. Acht Sitze einer immer noch relativ sicheren Mehrheit kostete das die Partei. Weil ausgerechnet die Riege der eloquentesten CDU-Parlamentarier kein Verständnis mehr hatte für das Durchschlagen privater Probleme auf die Bruchköbeler Tagespolitik. Um Tatsachen erkennen zu können, muss man übrigens kein Gehirnwäsche-Event beim BBB gebucht haben. Es genügt, mit dem Denken anzufangen.

Selbstbewusstsein drückt sich bekanntlich nicht in Selbstaufgabe und devotem Einsammeln von Wahl-Geschenken aus. Es manifestiert sich, zumindest in der Politik, in starkem Auftreten und mit klaren Signalen an den Souverän, dass er es mit einem präzise formulierten Anspruch auf Führung zu tun zu hat. Die in Perry von Wittich’s Leserbrief-Replik postulierte Sitzplatz-Parität im Parlament überträgt sich dagegen nicht automatisch in Form von Stärke auf den Charakter seiner Partei. Den könnte die SPD uns alleine dadurch demonstrieren, dass sie ihren ehemals übermächtigen Gegner in das politische Nirwana schiebt, für das sich die CDU der „Dritten Garnitur“ so nachhaltig empfohlen hat. Aber einmalige, beinahe schon historisch zu nennende Chancen grandios zu verpennen, ist das unglückliche Karma der SPD.

Tief schlafend erspart sie uns brav jede Aufregung. Sie stellt Anträge zu einer hinreichend ausgebauten Kita-Infrastruktur und kündet damit weiter vom Ratzen der Genossen. Die Forderung nach einem „Kinder- und Jugend-Plenum“, statt lautstarker Weckrufe um eine intensive, qualifizierte Jugend-Arbeit klingt, wie das feine Röcheln am Rande der REM-Phase. Die SPD bewahrt uns mit leiser, auf Plüschsocken vorgetragener Politik gnädig vor jeglicher Überraschung im Stadtparlament. Ja sogar die Organisation des „Präventivrates“, zu dem von romantisierenden Frontkämpfernaturen überproportional aufgeblasenen Nazi-Problem, zeugt eher von gesundem Tiefschlaf, als von wacher Kompetenz. Alle Anträge bestätigen dem Beobachter das Elend eines Dekaden andauernden Komas beim Keweler Dornröschen. Dass sich unter solchen Voraussetzungen der Reiz, zusätzliche Aufgaben zu übernehmen, in Grenzen hält, glaube ich dem Herrn Perry von Wittich gerne.

Er wird nie der Prinz sein, der Dornröschen wach küsst. Ja, dieser eine, ganz besondere Kuss! Wem wird er wohl jemals gelingen? Das Schielen auf gut dotierte Sessel wirkt beim Schürzen der Lippen jedenfalls lächerlich. Ich denke übrigens gerade an die Sitzungsgelder. Die hat der Vorschläfer der SPD in seinem Leserbrief vergessen zu erwähnen. Für aufrecht schnarchende Genossen sind selbst diese monetären Marginalien ein sanftes Ruhekissen, auf dem sich kommod von besser bezahlten Positionen träumen lässt.

© Alle Rechte liegen bei den genannten Autoren.

so much
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