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Was wir uns denken können, gibt es auch irgendwann. Diese Binsenweisheit bestätigt sich immer wieder auf schreckliche Weise in den kriminellen und perversen Abgründen der Menschheit. Sie bestätigt sich mit grotesk-beängstigenden Anwendungen in der Gentechnik. Nun gibt es neue Erkenntnisse, die zwar auch bedrohliches Potenzial bergen, aber eher geeignet sind unsere Phantasie anzuregen. Ein Mathematiker hat dem Reich der Phantasie die Tarnkappe abgerungen.
Wie die meisten großen Entdeckungen unserer Zeit, so ist auch diese ein interdisziplinäres Gemeinschaftswerk. Im Jahr 2004 präsentierte der Japaner Susumi Tachi eine Art Tarnanzug, der zwar noch nicht perfekt funktionierte, aber durchaus viel versprechende Ansätze offenbarte. Tachis Visionen von Verkehrsmitteln und Häusern, die von innen her durchsichtig sind, sollen ihn getrieben haben, das Thema zu erforschen. Es ist kein Geheimnis, dass auch das Pentagon Gefallen an der Unsichtbarkeit hat und daran forschen lässt. Der Traum vom Tarnkappen-Bomber hat sich, bedauerlich für die Militärs, bereits vor unseren Augen materialisiert. Für elektromagnetische Wellen aus dem Radar-Spektrum ist er tatsächlich unsichtbar. So war es kein Zufall, dass die gelehrten Kostgänger der Militärs unter Leitung von Xiang Zhang, sicher auch unter Bezug auf Tachis Erkenntnisse ein Material entwickeln konnten, das die Wellen des sichtbaren elektromagnetischen Spektrums umleitet. Damit rückte die Herstellung von technologisch fortgeschrittenen Tarnanstrichen und -anzügen in greifbare Nähe und David R. Smith, Professor an der Duke-Universität, konstruierte 2007 auf Basis dieser Erkenntnisse eine "Unsichtbarkeitsmaschine". Das ist ein Zylinder, an dem bestimmte Lichtwellen vorbeigleiten. Der Zylinder ist tatsächlich unsichtbar. Allerdings nur zweidimensional. Von einer Seite her ist er immer zu sehen.
Nun ist der entscheidende Durchbruch gelungen. Der Mathematiker Allan Greenleaf und sein Team an der University of Rochester gingen das Problem an, wie es dem Wesen des Mathematikers entspricht: theoretisch. Seine Aktivitäten hatten sicher nichts mit einer Tarnkappe zu tun. Im Gegenteil: Greenleaf wollte einem Phänomen auf die Spur kommen, das jedes elektromagnetisch basierte Diagnoseverfahren stört, weil Tumore darin oft unsichtbar bleiben. Deshalb fing er an zu berechnen, wie ein Material beschaffen sein müsste, das von elektromagnetischen Wellen aus jeder beliebigen Richtung vollkommen durchdrungen wird. Er berechnete damit den Stoff der Tarnkappe und seine Theoreme waren denen der anderen Forscher so ähnlich, dass ein Zusammenhang nicht mehr zu übersehen war. Greenleaf lieferte der Tarnkappen-Fraktion die fehlenden Mosaiksteine für die dritte Dimension. Auf der Basis seiner Material-Berechnungen hat die Gruppe um Smith herum ihr Material nun perfektioniert und sich raffinierte Designs ausgedacht. Es gibt zum Beispiel einen Entwurf, mit dem Licht durch eine Röhre hindurch transportiert werden kann. Die Innen- und Außenseite der Röhre müsste dabei mit Verbundmaterial beschichtet sein, das speziell darauf ausgerichtet ist, die Wellen abzulenken. Ein denkbares Einsatzgebiet wären beispielsweise endoskopische Operationen unter Einsatz von Magnetresonanz-Tomographie oder neuartige Bildschirme. Dass es allerdings bei rein zivilen Anwendungen bleibt, denken jetzt nur die ganz Naiven unter uns. Die anderen könnten einstweilen darüber nachzudenken, wie sie sich vor dem Unsichtbaren schützen werden. Aber Halt. Das war doch das eigentliche Problem vom Herrn Greenleaf. Es ergibt schon jetzt keinen Sinn mehr, sich überhaupt eine Tarnkappe aufzusetzen. Dank Herrn Greenleaf, der im Prinzip erforscht hat, wie man Unsichtbares sichtbar machen kann. Das war sicher der wesentlich menschenfreundlichere Forschungs-Ansatz! Der umgekehrte Weg hat eine menschenverachtende Note. Je länger ich darüber nachdenke, desto weniger ergibt die Tarnkappe einen Sinn. Stellen Sie sich nur einmal vor, zwei unsichtbare Batallione treffen sich auf dem Schlachtfeld und es gäbe keine Sichtbarkeitsbrillen. Sie sehen schon: Kein Grund zur Panik. Diesmal sind wir noch einmal davongekommen. |