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Der Geier kreiste über Schilda-Willichleben. Unten flogen die Fetzen und oben wartete einer ab, dass was zum Fressen umfällt. Wer jetzt den vollen Durchblick braucht mit unserem neuen Meister, seiner durchlauchten Dreifaltigkeit Tünnes von Vertrauen-Verläßlich zu Verbindlich, ist auf erheiternde Perspektiven angewiesen, die "der Bruchköbler" verbreitert. Eine Moritat ohne Leiche. Vorerst.
In den Schilda-Willichlebener Gassen lungern zahlreich raunende, runzlige Rentner herum. Gedämpfter Husten hängt um ihre unablässig brabbelnden Grüppchen. Heisere, dünne Stimmen mischen sich mit dem Brodeln, das ein mühsamer Atem verursacht. Es riecht nach Kernseife und Old Spice. Sie sehen trocken aus, sind aber um die Augen feucht und all Ihre Geräusche bleiben in deinen Kleidern hängen. Späher nahm gerade die Witterung vom Stromertünnes auf. Melder grummelte im Zwielicht einer dunklen Ecke, geräuschvoll die Luft einziehend: "Demokratie." "Nein Taktik," spuckte der Dicke daneben auf die Gasse. "Demotaktie," pfiff Sänger sein Lied ins Trübe. "Wir schreiben Leserbriefe!" Schreiber zückte sein Terminbuch und hechelte quietschend: "Meisterwahlen". Das "a" zog er dabei so quälend lang, dass man meinen konnte er stürbe an einem Pfeiffton. Plötzlich flog aber seine Nase hoch und er schnupperte gierig zu den anderen hinüber, wo Laberer seine triefenden, schlabbernden Lefzen ganz nah an Tünnes heran schob und zittrig warm in sein Ohr grunzte: "Tünnes, du bist in dieser Gegend hier mein bester Freund." Beim "T" vom "Tünnes", "bist" und "bester" und auch beim "d" vom "Freund" hatte es jeweils eine Ladung Speichel aus relativer Ruhe in Bewegung versetzt. Dermaßen vom Odem angehaucht schöpfte ein Teil von Tünnes Hoffnung. Hinter seinem Ohr begann es zu arbeiten, während darin langsam Speichel herunter lief. "Mein neues Leben?" druckste er und blickte unsicher in die Gasse der Demotakten hinein, die mit grauen Stoppeln am Doppelkinn wackelten, weil sie eifrig in die Tasten ihrer Schreibautomaten hämmerten. "Wir machen das schon," flüsterte ihm Laberer zwischendurch glucksend hinüber und ließ nebenbei seinen lang gezogenen Kehlkopflappen zwischen Daumen und Zeigefinger schnappen. Darauf fiel ein Sonnenstrahl. Schuppenstaub stob auf. "Potztausend! Mehl!" entfuhr es da dem grübelnden Gassenleitrentner. Mit entschiedenem Hieb auf den Tisch befahl er: "Holt mir den Stadtbäcker!" Melissengeist fiel um. "Was sind wir doch für ein Schweinehaufen," grinste er in die Runde seiner Demotakten. Da mussten alle lachen. Ein Vögelchen fiel tot auf die Straße. So kam der Stromertünnes zur Bäckerei. Die buk zwar kein Brot, dafür aber ein neues Image für Tünnes und seine Demotakten. Jetzt sind sie wieder wer: Der Strombacktünnes. Mitten im Zentrum von Schilda-Willichleben hat es Wochen lang kross nach frischem Tünnes geduftet. Tünnes war die lächelnde Wonne. Die wandelnde Sonne. Eine Charme-Offensive zog dich zum Tünnes, Schilda-Willichleben. Sogar seine politische Feinde wollen ihn lieb haben. Ein Tünnes für alle. "So geht Demokratie," erzählt er heute jedem, der noch nicht kundig ist. Den Kurzemichel mag keiner mehr. Der ist jetzt bei den Bösen Buben Bruchköbel. "Wie konnte das passieren?", fragt er sich noch heute. Ein geniales Stück, fürwahr! Ganz ohne Brötchen, dafür aber voll verläßlichem Vertrauen. Den verbindlichen Rest der Moritat kennt jeder in Schilda-Willichleben. Jeder, der dafür noch ein Weilchen bezahlen wird. Bis der alte Stromer- nicht mehr als Bäcker-, aber als Rentnertünnes einmal für immer seine Augen schließt. Weil er es sich verdient hat. Bis dahin ist der Schweinehaufen längst Geschichte und die Moritat hat doch noch mindestens eine Leiche.
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