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Schneller geht es nicht. Das Tempo mit dem die Linke im deutschen Westen in die Parlamente einzieht, ist ein typisches Beispiel für Angebot und Nachfrage in der Politik. Der Durchmarsch der Linken stellt sogar den rapiden Diffusionsprozess der Grünen vor dreißig Jahren weit in den Schatten. Die haben ganze fünf Jahre von der Gründung bis zur ersten Regierungbeteiligung gebraucht.
Die Westdeutsche Linke wurde 2007 gegründet, sitzt aber seit 2006 als Koalitionspartner der SPD im Berliner Senat. Das ist nicht mehr zu toppen und historischer Parlamentsrekord auf ewig. "Um Gottes Willen, nicht schon wieder", wird es jetzt jedem strammen SPD Mitglied entfleuchen, "Berlin ist ein Sonderfall!" "Nein, auf keinen Fall an der Regierung beteiligen", wird ihnen sicher auch noch jedes Mitglied der Linken in Hessen mit auf den Weg geben. Haltet inne, politische Vielschwätzer und redet wenigstens einmal in eurer persönlich-öffentlichen Versorgungskarriere Klartext. Wir sind die Wähler und haben Euch noch nie ein Wort geglaubt. Unser Vertrauen in Euch wird seit Generationen daraus gespeist, mit welcher Intension wir die Lügen interpretieren wollen. Die Glaubwürdigkeit eines Politikers lebte immer schon davon, wie virtuos er seine- und die Lügen seiner Kollegen beugen konnte. Kein Mensch verlangte von Euch jemals ernsthaft die Wahrheit. Wie kommt die CDU also jetzt dazu, ein Mitglied ihrer Zunft der Lüge zu bezichtigen, nur weil eine SPD-Dame notgedrungen öffentlich ihre Meinung revidieren musste? Dabei war es noch nicht einmal ihre-, sondern die Meinung der Partei. Die CDU wird mit ihrem eigenen, verlogenen Vorwurf Gesicht verlieren. Wähler werten die plötzlich entdeckte Liebe zum gesprochenen Wort jedenfalls als funktional, schlichte Taktik eines kopflosen Verlierers. Deutschland braucht nicht unbedingt keifende Looser, wenn der Souverän gerade ein Machtwort gesprochen hat. Da haben Verlierer waidwund leckend in der Ecke zu kauern und nicht bedeutungsschwanger zu drohen. Ein klassisches Beispiel für politische Beugung ist sie schon: "Die Linke wird niemals an einer Regierung in Hessen beteiligt sein". Die Aussage ist bereits Klassiker geprochener Politikgeschichte. Der Satz hat "geflügeltes Wort"-Potential. Da sind sie wieder, die lustigen Hessen. Wir Wähler tun jetzt einfach mal wieder so, als würden wir Euch Politikern glauben. Weil eine Notlüge oft auch gut für eine gute Sache ist. Die SPD muss sich schließlich erst daran gewöhnen, dass sie niemals das Zentrum der Gerechtigkeit gewesen ist. Und die Linken, ja die Linken haben es jetzt wieder einmal in der Hand. Ihr eigenes Schicksal. Sie können das Bild der Linken in der fortgeschrittenen Gesellschaft am Beginn des dritten Jahrtausends neu definieren, was auch dringend geboten scheint. Die Linken sind ein neuer Hoffnungsträger. So, wie es die Grünen für eine ganze Generation einmal waren. Die Linken haben eine greifbare, historische Gelegenheit und wir Wähler hoffen alle mit ihnen, dass sie dem Bild des lobbygesteuerten Politikers auf Dauer ebenso widerstehen können, wie dem Bild des selbstverliebten, zynischen Selbstversorgers, der abgehoben von den tatsächlichen Problemen der Bürger in einem ideologischen Elfenbeinturm west. Sie hat eine Chance. Die Linke ist als Idee gereift, wie keine andere Idee jemals vor ihr. Ihr intellektueller Hintergrund ist so einzigartig, wie grandios. Sie hat sich im Laufe der Jahrzehnte linken Bewusstseins oft gewandelt. Man muss sagen: Die Geschichte hat mit der Linken ein einzigartiges, glorreich gelungenes, wie grausam gescheitertes Experiment durchgeführt. Vom Proletarier über Verfolgung, KZ und Ächtung im kalten Krieg reichte das Spektrum ihrer deutschen Wirklichkeit. Vom kalten Theroretiker über glühende Gerechtigkeitsfanatiker bis hin zu bräsigen Funktionären und gar Verrätern reicht die Palette linker Stereotypen auf der ganzen Welt. All das könnte die Linke jetzt für sich als ureigene, gründliche, politische Erfahrung reklamieren und mit großem Selbstbewusstsein deutsche Politik gestalten. Nun kann sie uns zeigen, wie man so eine reichhaltige politische Erfahrung im Spätkapitalismus in reale und einzigartige Politik für den Wähler umsetzt. Sie kann aber genau so gut wieder uneinig scheitern. Wie man das von ihr eigentlich kennt. Der Wähler ist jedenfalls wieder ein ernst zu nehmender Souverän. Das verdankt er schon jetzt der Linken. Was Oskar Lafontaine da aus gekränkter Eitelkeit heraus angestoßen hat, revolutioniert die deutsche Innenpolitik bereits heute. Wir sind gespannt darauf, wie die Linke diese nächste, einmalige Chance interpretieren wird. Das nicht mehr abreißen wollende Krakeelen, Mahnen und Murren etablierter Politiker können wir dabei getrost unter "Verbeißen" vom Futtertrog ablegen. Es ist halt nur eine begrenzte Menge Schreibtisch im Pott. Wir Wähler sagen jedenfalls auch: "Nein, als Regierungsbeteiligung war das eigentlich nicht gedacht. Es sollte eher eine letzte Warnung an die Selbstversorger sein, die uns schon viel zu lange für blöd verkaufen!" Wenn sich die Linke aber geschickt anstellt, dann werden wir dabei bald mit den Augen zwinkern und gerne von ihrer Regierungsbeteiligung profitieren. Die Linke hält es immer wieder neu in der Hand. Das große Erbe ihrer langen, leidenschaftlichen und blutigen Geschichte. Sie ist, dank Karl Marx, eine typisch deutsch-jüdische Erfindung mit Langzeitwirkung und Stehaufmechanismus über Jahrhunderte hinweg. Nur bei uns kann sie heute, und das ist eine feine, ironisch-historische Note, zu der Politik finden, die schon viele Gesellschaften in ihr vergeblich suchten: Die Genesung der Politik vom Selbstnutzen Einzelner zum Nutzen der Gemeinschaft. Wir wünschen ihr alles Glück dabei, ein gutes Händchen und eine Gemeinschaft. Damit "Links" in der deutschen Politik so ankommt, wie es der deutschen Geschichte gebührt. |