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Zuweilen fordern uns die Profis vom Berliner Parlament ja förmlich zum Ungehorsam auf. Wenn's richtig mit ihnen durchgeht. Sie werfen dann ihr Mobiltelefon auf den Boden und zischen verächtlich: "Nokia!" So einfach ist das. Wir müssen die Zeichen in den Nachrichten entsprechend deuten. Dann kommen wir ganz von selbst drauf, was zu tun ist. Der "Handywurf von Berlin" war die Aufforderung zum Widerstand. Wir werten ihn als Fanal.
Ich habe zwar kein Nokia Mobiltelefon, aber Müllermilch kauf' ich zum Beispiel seit Jahren grundsätzlich nicht mehr. Das ist doch das Wenigste, was ich tun kann, oder? Die Kinder legen mir manchmal heimlich eine in den Einkaufswagen. Sie machen sich damit einen Spaß. Ob der Alte es wohl merkt? Oh, die liegt im Wagen wie Blei! Bei mir muß die einfach sofort wieder raus. Da geht aber noch mehr an konsumtechnischem Widerstand.
Körperpflege nach Vorschrift ist eine nahezu geniale Maßnahme des Konsumverzichts. Damit versetzt ihr den internationalen Heuschrecken und Raubtierkapitalisten nicht nur einen Warnschuss vor den Bug, sondern In eurem Sexleben wird auch ganz nebenbei der Turbo gezündet. Die arteigenen männlichen und weiblichen Pheromone können wieder einmal unverfälscht zu eurem Riechorgan in der Mitte des Gesichts hinein strömen. Das Kamasutra wird für euch nicht mehr länger nur ein seltsames Wort aus Treppenwitzen sein. Und die Internationale der Aktionäre findet das gar nicht mehr witzig, wenn ihr Spaß habt, ohne sie finanziell zu beteiligen.
Die Masse macht's! Ihr glaubt ja gar nicht, wie sensibel das Raubtier- und Heuschreckenprogramm anfängt zu eiern, wenn der Konsument unvorhersehbare Wege geht. Gemeinsam könnten wir sie zu einem gewissen Maß an Anstand zwingen.
Markengetränke? Da gibt es das Wicküler Pils. Das "perlt" gut und wird sogar gerne mal von Frauen getrunken. Leute das Zeug ist im Sechserpack bei REWE im Verhältnis zu sonstiger Markenware saugut und billig. Wer glaubt das sei jetzt Verbreitung spezifischen Prekariatwissens, der klinke sich an dieser Stelle bitte diskret aus dem Artikel aus und kaufe weiterhin Marke für den doppelten Preis.
Ich sag mal: Verzichte auf das Auto. Dieser Satz löst immer noch zuerst geistiges Unbehagen aus. Verzichte drauf, so oft es geht und kauf für einen Bruchteil vom gesparten Geld Ökostrom ein. Ja, Ökostrom. Das mag dir jetzt etwas aus dem Zusammenhang gerissen klingen. Aber Ökostrom tut dem Energiekartell richtig weh. Und da der teurer ist, muss das Geld dafür irgendwo herkommen.
Es ist doch so: Viele brauchen nur manchmal ein Auto. Das teilen wir uns mit jemandem, der ein genau so ausgeprägtes Selbstbewusstsein hat, wie wir. So zieht man eine gerade Furche. Für Leute, die irgend eine Psychokiste über ihr Automobil abreagieren, ist dieser Vorschlag sogar doppelt effektiv. Sie sparen Geld und bearbeiten gleichzeitig ihr mentales Defizit. Es gibt in den Großstädten bereits Carsharing - Die Autoteilung. Die imaginäre Mitose des Automobils verteilt immer mehr Fahrgäste über immer weniger Automobile. Das ist die Lehre von der Teilung der Fahrgastzelle. Richtiges Gift für die Vorstandfuzzis. Die greifen dann nicht mehr euren Männern mit der Technik in die Eier, Mädels. Die versuchen dann ihr eigenes Gemächt vor ihren wütenden Aktionären in Sicherheit zu bringen.
Ich habe seit über einem Jahr kein Auto mehr und lebe immer noch! Gut, ich kann auch mit dem Einkaufswagen bis vor meinen Kühlschrank fahren. Aber das sollte jeder können. Es ist ein unbeschreiblich seltsam berührendes Gefühl, wenn Du nachdenkst: "Muss das jetzt sein?" Und die Antwort kommt, fast ohne nachzudenken: "Och nööö. Das muss jetzt nich' sein. Ich nehm dann morgen in aller Ruhe den Bus." Da kann ich Zeitung lesen, suche keinen Parkplatz und bin nicht von Strafen bedroht. Der Bus fährt, wenn uns der Himmel nicht auf den Kopf gefallen ist, fast immer pünktlich.
Aus den Bussen ist übrigens das Proletariat so gut, wie verschwunden. Es hat sich aufgelöst in der undefinierten Grauzone "Mitte". Dafür gibt es jetzt reichlich Prekariat im öffentlichen Verkehrsmittel. Sogar am Steuer sitzt es schon und in der Fahrdienstleitung. Es durchmischt sich gerade noch mit ehemals einkommensstärkeren Schichten. Mit einem Rest von echtem Proletariat und dem nachhaltig verunsicherten, ehemaligen unteren Mittelstand reagiert es gerade zu einer - sagen wir - leicht entzündbaren Melange.
Über das Sparpotential von öffentlichen Verkehrsmitteln muss ich jetzt doch nichts sagen, oder? Zum ÖPNV zähle ich sogar das Taxi. So viel Geld spart ihr, wenn ihr kein Auto habt! Er reicht dann sogar für ein Taxi. Ja denk mal: Service und Reparatur, Tempozonen mit Blitz dahinter, Parkzonen mit Zeitfalle, Spritpreise vom Kartell, Steuern auf Versteuertes, Versicherung, Autoclub und farbige Plaketten. Bedenkt, wer alles von Euch lebt! Und wenn sie mal dreckig ist, die Kiste, fühlt ihr euch auch nicht mehr wohl. Dann geht' s ab zum Waschautomaten. Zuhause dürft ihr es nicht mehr waschen. Au weia! Ey Leute ihr merkt schon lange nicht mehr, wie abhängig ihr von diesem Stück Technik seid. Ihr zahlt sogar Geld fürs Parken vor dem Einkaufszentrum. Seid ihr noch ganz dicht?
Nun haben wir kein Geld mehr im Portemonnaie. Da ist so ein "Handywurf von Berlin" doch mal eine erfrischende Initiative. Wenn die dann auch noch von einem Mitglied unserer Legislative vorgeführt wird, ist das doch durchaus als überraschende Wendung im Demokratieversuch deutscher Prägung zu bewerten. Was heißt hier, nur "bad News" wären "good News"? Der "Handywurf von Berlin" war eindeutig eine gute Nachricht und offene Aufforderung zum Ungehorsam durch Konsumverzicht. Das kam von ganz oben, liebes Prekariat.
Wer da seinem emotionsgeladenen Volksvertreter nicht instinktiv zur Seite tritt, wer jetzt nicht mit ihm aufsteht und ebenfalls sofort verzichtet, wo immer es schmerzfrei möglich ist aber ganz schmerzhaft wirkt, der ist ein echter Weichkeks und Konsumidiot. Der soll alles das kriegen, was er nicht bekommen wollte!
Weitere Vorschläge zum Gewinn durch Verzicht werden gerne entgegen genommen. |