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Soeben hat sich ein uraltes Kindheitstrauma aufgelöst. Ich habe einen Ohrwurm
gesehen. Das war es damals also. Oh, war das selten grausam. Wirklich schlimm.
Und jetzt weiß ich ganz sicher: Niemand hat mich am Fuß gekitzelt, außer ein
Ohrwurm.
Deshalb habe ich niemanden gesehen! Ein Wurm auf Beinen und Füßen. Weil er
kein Wurm ist. Mit seinen Füßen hat er mich am Fuß gekitzelt bis ich ihn
erschrocken, aber unbemerkt abgeschüttelt habe. Deshalb war da keiner!
Von unten kommt ein spitzes Kichern. Süßer Duft der schönen Frau strömt zu
mir herauf. Ich bin glückselig und blau. Oh, wie ich sie liebe. Die Früchte
aus den leeren Gläsern zu essen, war ein guter Trick. Im Bett liegend beginne
ich den Türspalt zur Treppe hin mit meinen Augen zu bewegen. Mit dem bloßen
Willen. Nur mit dem Kopf. Mit zunehmender Konzentration klappt das immer besser.
Kein Problem. Die Tür bewegt sich, wie ich will. Nur ganz zu geht sie nie. Ist
nicht möglich. Ein winziger Spalt bleibt immer, durch den Licht, Lachen und
vieles mehr hinein dringt. Die Tür ist zu schwer für meinen ungeübten,
unterentwickelten Willen. Und Frauenstimmen lenken mich ab. Herrlich,
einfach herrlich. Ich liebe dich durch den Lichspalt hindurch. Hinunter auf dem
Zigarettenrauch auf dem Klang deines Parfüms in meinen Sinnen. Deine Stimme
schwingt herauf. Ein Mann dringt durch den Raum. All das wird von süßen
Alkoholschwaden angehoben. Irgendwo ist ein Zigarillo. WILLEM II.
Viele Männerstimmen. Großvati, schlafe ich? Natürlich schläfst du. Wenn ich den
Lichtspalt sehen kann? Der Spalt hat sich ganz leicht bewegt. Was hat er
gesagt? Er hat doch was gesagt!
Plötzlich, mitten im süßesten Traum kitzelt mich jemand am rechten Fuß. An
dem Fuß zur Wand hin. Aus der Decke hervorstehend, nackt im Freien
schreit mein Fuß. Da kann doch überhaupt niemand stehen! Hinter der schrägen
Seitenwand des Einbaupults, die mein Fuß fast berühren kann, weht die Nacht
ins Zimmer. Es geht kein Wind, doch sie Luf bewegt sich. Killekillekille hat es
gemacht. Wie von leichten Fingern, beinahe fröhlich aufgelegt. Genau an der
dünnsten Stelle, wo keine Sohle ist. Aber da steht, kauert und
kriecht niemand. Und keiner liegt unter dem Bett oder fliegt herum. Ich
denke kreuz und quer, während ich die besonders dunklen Stellen abwechseld
fixiere. Niemand und Nichts ist da. Auch nicht im mächtigen Dunkel unter
dem Einbaupult vor der Heizung. Nichts läßt sich blicken.
Unten ist Party. Die Eltern feiern noch. Alle da! Wer von denen hat
mich eben gekitzelt? Die anderen Kinder schlafen. Von denen kann es
keiner gewesen sein. Ich stehe unter Schock. Wer hat mich gekitzelt? Dann
wünsche ich mir, es wäre einer von unten gewesen. Mühsam versuche ich mit meiner
Stimme durch den Lichtspalt zu dringen. Ich presse sie mit aller Kraft
hindurch. Ein beinahe ohnmächtiges Gurgeln geht von mir aus. Es
ist der schlimmste, zutiefst verzweifeltste Ruf aus einem Kinderhals,
den aber niemand hört. «Jemand hat mich am Fuß gekitzelt aber da ist
keiner!» «Mutti! Hilfe! Komm! Mutti bitte, bitte komm sofort!» Für fast 44
Jahre soll ich von nun an nur noch mit fest zugedeckten Füßen schlafen
können.
Und heute plötzlich, nach so langer Zeit ist es sonnenklar. Es war
ein Ohrwurm und nicht das Grauen aus tiefer, dunkler Nacht. Eben ist er an mir
vorbei gekrabbelt. Ich habe ihn angeleuchtet. Er hat sich ins Licht gebogen und
hinein tentakelt. Nein gefühlert. Er hat sich dann noch weiter rumgebogen. Wir
haben uns angesehen und er hat mich gefragt, was das soll. Ich habe das Licht
weggestellt. Dann ist er weiter seines Wegs gegangen während mir die einzig
mögliche Erklärung dämmerte. Ich meine, es ging in letzter Zeit auch immer
besser mit dem Zudecken. Es ist nicht mehr so wichtig.
WIKIPEDIA: «Die Ohrwürmer (Dermaptera) sind eine Ordnung der Insekten und
gehören zu den Fluginsekten
(Pterygota).
ICH: «Pterygota. In Gotha hab' ich eine Kuh gesehen.
Göödaaah. Gööööödaaaah, sagt der Sachse. Der Thüringer klingt gemäßigt.»
WIKIPEDIA: «In antiker Zeit wurden die Tiere pulverisiert
als Medizin gegen Ohrkrankheiten/Taubheit verabreicht. Während der Gebrauch in
Vergessenheit geriet, blieb der lateinische Name auricula (von
auris „Ohr“) erhalten. Von diesem sind auch die Englischen
(earwig) und Französischen (perce-oreille) Bezeichnungen
abgeleitet. Da man sich den Namen nicht mehr erklären konnte, wurde allgemein
angenommen, dass die Tiere nachts in Ohren kriechen und sich dort sogar
festbeißen, was aber nicht korrekt ist. Ohrwürmer sind für Menschen vollkommen
ungefährlich.»
ICH: «Immer wenn die Politik einer braucht, macht sich
die Vernunft vom Acker. Tschüß, ich geh mal was einkaufen! Das ist auch ein
Ohrwurm.»
WIKIPEDIA: «Und die Polizei ist immer nicht da,
wo man sie braucht. Ohrwurm!»
ICH: "Wikipedia?"
WIKIPEDIA: "Wie die Düsenjäger. Die braucht auch
keiner!"
ICH: "Wikipedia!"
WIKIPEDIA: "Weil die immer da sind, wo man sie nicht
braucht!"
ICH: "Hast Du was, Wiki?"
WIKIPEDIA: "Bist Du noch ganz gescheit?"
ICH: "Vielleicht nicht ganz..."
WIKIPEDIA: "Das merkt man!"
ICH: "Woran?"
WIKIPEDIA: "Na Jaaaa!"
ICH: "Du bist blöd!"
WIKIPEDIA: "Kindheitstrauma." |