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gemein unabhängig - bösartig modern - 7. Jahrgang - Juli 2010
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Geschrieben von Martin Reisbeck   
24.08.2007

Soeben hat sich ein uraltes Kindheitstrauma aufgelöst. Ich habe einen Ohrwurm gesehen. Das war es damals also. Oh, war das selten grausam. Wirklich schlimm. Und jetzt weiß ich ganz sicher: Niemand hat mich am Fuß gekitzelt, außer ein Ohrwurm.

Deshalb habe ich niemanden gesehen! Ein Wurm auf Beinen und Füßen. Weil er kein Wurm ist. Mit seinen Füßen hat er mich am Fuß gekitzelt bis ich ihn erschrocken, aber unbemerkt abgeschüttelt habe. Deshalb war da keiner!

Von unten kommt ein spitzes Kichern. Süßer Duft der schönen Frau strömt zu mir herauf. Ich bin glückselig und blau. Oh, wie ich sie liebe. Die Früchte aus den leeren Gläsern zu essen, war ein guter Trick. Im Bett liegend beginne ich den Türspalt zur Treppe hin mit meinen Augen zu bewegen. Mit dem bloßen Willen. Nur mit dem Kopf. Mit zunehmender Konzentration klappt das immer besser. Kein Problem. Die Tür bewegt sich, wie ich will. Nur ganz zu geht sie nie. Ist nicht möglich. Ein winziger Spalt bleibt immer, durch den Licht, Lachen und vieles mehr hinein dringt. Die Tür ist zu schwer für meinen ungeübten, unterentwickelten Willen. Und Frauenstimmen lenken mich ab. Herrlich, einfach herrlich. Ich liebe dich durch den Lichspalt hindurch. Hinunter auf dem Zigarettenrauch auf dem Klang deines Parfüms in meinen Sinnen. Deine Stimme schwingt herauf. Ein Mann dringt durch den Raum. All das wird von süßen Alkoholschwaden angehoben. Irgendwo ist ein Zigarillo. WILLEM II. Viele Männerstimmen. Großvati, schlafe ich? Natürlich schläfst du. Wenn ich den Lichtspalt sehen kann? Der Spalt hat sich ganz leicht bewegt. Was hat er gesagt? Er hat doch was gesagt!

Plötzlich, mitten im süßesten Traum kitzelt mich jemand am rechten Fuß. An dem Fuß zur Wand hin.  Aus der Decke hervorstehend, nackt im Freien schreit mein Fuß. Da kann doch überhaupt niemand stehen! Hinter der schrägen Seitenwand des Einbaupults, die mein Fuß fast berühren kann, weht die Nacht ins Zimmer. Es geht kein Wind, doch sie Luf bewegt sich. Killekillekille hat es gemacht. Wie von leichten Fingern, beinahe fröhlich aufgelegt. Genau an der dünnsten Stelle, wo keine Sohle ist. Aber da steht, kauert und kriecht niemand. Und keiner liegt unter dem Bett oder fliegt herum. Ich denke kreuz und quer, während ich die besonders dunklen Stellen abwechseld fixiere. Niemand und Nichts ist da. Auch nicht im mächtigen Dunkel unter dem Einbaupult vor der Heizung. Nichts läßt sich blicken.

Unten ist Party. Die Eltern feiern noch. Alle da! Wer von denen hat mich eben gekitzelt? Die anderen Kinder schlafen. Von denen kann es keiner gewesen sein. Ich stehe unter Schock. Wer hat mich gekitzelt? Dann wünsche ich mir, es wäre einer von unten gewesen. Mühsam versuche ich mit meiner Stimme durch den Lichtspalt zu dringen. Ich presse sie mit aller Kraft hindurch. Ein beinahe ohnmächtiges Gurgeln geht von mir aus. Es ist der schlimmste, zutiefst verzweifeltste Ruf aus einem Kinderhals, den aber niemand hört. «Jemand hat mich am Fuß gekitzelt aber da ist keiner!» «Mutti! Hilfe! Komm! Mutti bitte, bitte komm sofort!» Für fast 44 Jahre soll ich von nun an nur noch mit fest zugedeckten Füßen schlafen können.

Und heute plötzlich, nach so langer Zeit ist es sonnenklar. Es war ein Ohrwurm und nicht das Grauen aus tiefer, dunkler Nacht. Eben ist er an mir vorbei gekrabbelt. Ich habe ihn angeleuchtet. Er hat sich ins Licht gebogen und hinein tentakelt. Nein gefühlert. Er hat sich dann noch weiter rumgebogen. Wir haben uns angesehen und er hat mich gefragt, was das soll. Ich habe das Licht weggestellt. Dann ist er weiter seines Wegs gegangen während mir die einzig mögliche Erklärung dämmerte. Ich meine, es ging in letzter Zeit auch immer besser mit dem Zudecken. Es ist nicht mehr so wichtig.

WIKIPEDIA: «Die Ohrwürmer (Dermaptera) sind eine Ordnung der Insekten und gehören zu den Fluginsekten (Pterygota).

ICH: «Pterygota. In Gotha hab' ich eine Kuh gesehen. Göödaaah. Gööööödaaaah, sagt der Sachse. Der Thüringer klingt gemäßigt.»

WIKIPEDIA: «In antiker Zeit wurden die Tiere pulverisiert als Medizin gegen Ohrkrankheiten/Taubheit verabreicht. Während der Gebrauch in Vergessenheit geriet, blieb der lateinische Name auricula (von auris „Ohr“) erhalten. Von diesem sind auch die Englischen (earwig) und Französischen (perce-oreille) Bezeichnungen abgeleitet. Da man sich den Namen nicht mehr erklären konnte, wurde allgemein angenommen, dass die Tiere nachts in Ohren kriechen und sich dort sogar festbeißen, was aber nicht korrekt ist. Ohrwürmer sind für Menschen vollkommen ungefährlich.»

ICH: «Immer wenn die Politik einer braucht, macht sich die Vernunft vom Acker. Tschüß, ich geh mal was einkaufen! Das ist auch ein Ohrwurm.»

WIKIPEDIA:  «Und die Polizei ist immer nicht da, wo man sie braucht. Ohrwurm!»

ICH: "Wikipedia?"

WIKIPEDIA: "Wie die Düsenjäger. Die braucht auch keiner!"

ICH: "Wikipedia!"

WIKIPEDIA: "Weil die immer da sind, wo man sie nicht braucht!"

ICH: "Hast Du was, Wiki?"

WIKIPEDIA: "Bist Du noch ganz gescheit?"

ICH: "Vielleicht nicht ganz..."

WIKIPEDIA: "Das merkt man!"

ICH: "Woran?"

WIKIPEDIA: "Na Jaaaa!"

ICH: "Du bist blöd!"

WIKIPEDIA: "Kindheitstrauma."

© Alle Rechte liegen bei den genannten Autoren.

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