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Vater und Sohn-Gespräch PDF Drucken E-Mail
Verfasst von Bill Bonner, Investor Verlag Bonn   
16.05.2007

Bill BonnerVater und Sohn-Gespräch zum Thema Kapitalismus

von Bill Bonner

„Willst Du etwa behaupten, dass der Kapitalismus nicht funktioniert?“, fragte mich mein Sohn Henry, „Natürlich funktioniert er: Wenn ein Unternehmen keine Gewinne erwirtschaftet, dann ist es bald nicht mehr im Geschäft, oder? Und wenn die Autorhersteller kein Geld mehr verdienen, dann sind sie eben auch aus dem Geschäft – oder etwa nicht? Und dann kommt ein anderes Unternehmen und tritt an ihre Stelle. So soll es doch wohl auch funktionieren? Was ist also falsch daran?“

„Nichts ist daran falsch“, antwortete ich, „aber das ist noch lange nicht die ganze Geschichte.

Die Leute meinen, der Kapitalismus würde sich auf natürliche Weise selbst korrigieren, sich selbst verbessern und sich selbst heilen. In einem gewissen Maße stimmt das auch, aber es gibt nirgendwo in der Welt ein System des reinen Kapitalismus – auch nicht in Amerika. Stattdessen gibt es überall einen Kapitalismus mit Ketten um die Fußgelenke und Bestechungsgeldern in den Taschen. Er arbeitet mit einem Geldsystem, das zentral kontrolliert wird und der Kapitalismus muss sich Tausenden von Regeln und Regulierungen unterwerfen.“

„Aber es passiert auch noch etwas anderes, weil Institutionen mit der Zeit degenerieren. Sieh dir einfach einmal an, was in Washington passiert. Auf dem Papier hat Amerika immer noch die gleiche Regierungsform wie vor 200 Jahren. Die Verfassung ist immer noch das Gesetz des Landes. Die Leute wählen auch heute noch ihre Vertreter und sie können sie immer noch, wann immer sie wollen, aus dem Amt werfen. Aber wozu führt die beliebte Demokratie wirklich? Sie erzeugt Betrüger, Schwätzer und holzköpfige Marktschreier – die alle gelernt haben, das System zu ihrem eigenen Vorteil auszunutzen.“

„Und das gilt auch für den amerikanischen Kapitalismus. Der kleine Teilhaber an einem Gemeinschaftsfonds glaubt, er sei ein Kapitalist. Er hat keine Ahnung, dass man ihn an der Wall Street für einen Dummkopf hält. Er steckt sein Geld hinein, aber er hat nicht die Kontrolle, die ein echter Kapitalist haben würde. Deswegen können die Verantwortlichen auch mit so unglaublichen Gehältern davonkommen. Sie haben gelernt, das System zu ihrem Vorteil zu nutzen, und das System selbst degeneriert.“

„Und wenn eine Institution degeneriert, dann degenerieren auch die Haltungen und Gewohnheiten der Leute, die mit ihr zu tun haben. Die Anleger z.B. fangen an zu glauben, dass sie sich wünschen, dass die Unternehmen ´shareholder value´ liefern – und dass sie es sofort tun. Sie wollen das leichte Geld und sie wollen das schnelle Geld. Deswegen scheren sie sich auch nur um die Quartalsergebnisse und darum, was mit dem Aktienkurs passiert.“

„Das ist das einzige, worum es in den Finanznachrichten im Fernsehen geht. Sie berichten über die letzten Quartalsabschlüsse und sie beobachten die Reaktionen der Investoren. Wenn ein Unternehmen nicht mit guten Zahlen aufwartet, dann lassen die Investoren es fallen. Ist das Kapitalismus? Nun, vielleicht: Kapitalismus einer besonderen Art. Es ist eine Art Kasino-Kapitalismus, bei dem alle darauf hoffen, reich zu werden, aber nicht durch echte Arbeit, sondern durch Investitionen und Innovationen.“

„Die Manager – die selbst nur selten echte Kapitalisten oder Unternehmer sind – haben die gleiche Haltung. Sie wollen so viel wie möglich für sich selbst aus den Unternehmen herausholen und danach ziehen sie weiter. Es ist also kein Wunder, dass niemand mehr die langfristigen und harten Investitionen machen will, die notwendig sind, um in der Autoindustrie wettbewerbsfähig zu bleiben. Alle wollen etwas für nichts… und das so bald wie möglich. Die Gewerkschaften wollen ihre Alters- und Gesundheitsversorgungen. Die Geschäftsführung will die goldenen Fallschirme. Die Anleger wollen, dass die Aktienkurse steigen. Wem geht es noch wirklich um die Automobilbranche? Alle leihen, geben aus und refinanzieren. Sie beobachten die Aktienkurse und wollen wissen, für wie viel das Haus am anderen Ende der Straße verkauft wird. Geld sparen? Langfristig investieren? Davon träumen sie nicht einmal.“

„Und es wird noch schlimmer. Zunehmend wird die gesamte Gesellschaft immer korrupter – alle müssen sich selbst belügen oder täuschen, um den schönen Schein zu wahren.“

Bill BonnerWir danken dem Investor Verlag Bonn für die freundliche Überlassung des Artikels. Daily Observer, den kostenlosen täglichen E-Maildienst für kritische Investoren können Sie hier anfordern: www.investor-verlag.de

© Alle Rechte liegen bei den genannten Autoren.

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