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gemein unabhängig - bösartig modern - 7. Jahrgang - Juli 2010
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Selbstgerechter Popanz PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Martin Reisbeck   
13.05.2007

RattenpackOstern war schon längst gelaufen, als der Gerechte Rechholz im Bürgerhaus Oberissigheim wieder mal seine Eier suchen ließ. Jedes Jahr stellt er nämlich eine völlig sinnlose Quizfrage, in der das Wort "Wert" vorkommen muss. Daraus dürfen dann alte, wertkonservative Kracher dem Volk einen reaktionären Lebenssinn vorbasteln.

Jedes Frühjahr lässt Rechholz alte Männer ins Dorf karren, die gut Dampf plaudern und versteckt polarisieren können. Es handelt sich dabei um eine unterschwellig fremdenfeindliche Mission alter Demagogen, die im Namen eines imaginären Herrn anders denkende Mitbürger ausgrenzen wollen. Die meisten davon kommen ins Dorf, weil ihr Terminplan einfach keine hochwertigeren Events für Eiferer mehr hergibt.

Dabei hätte ihm die total unspannende Frage des heurigen Eiersuchens, "Welche Werte sind lebensdienlich?", jede Dumpfbacke ganz ohne Zögern beantworten können: Ficken, Fressen, Fighten! Hab' ich was vergessen? Nein, Fernsehen gehört nicht dazu, wie Sie jetzt vielleicht in Anlehnung an die drei großen "F" meinen mögen. Das ist die andere Fragestellung, was der Deutsche am Liebsten macht. Fernsehen fördert zwar das Fressen, behindert aber damit das Ficken. Und wer fernsieht, fightet sowieso nicht mehr. Nein, er läßt vielmehr kämpfen. Und das bei zunehmend unsinnig konstruierten Problemstellungen. Ganz, wie bei Rechholz und seinen schrägen Wertebasteleien.

Also, um diese Frage zu beantworten hätte es keines Popanz* bedurft, der sich seinen Lebensunterhalt von Leuten bestreiten läßt, die Angst vor einem strafenden höheren Wesen haben. Clevere Vorfahren dieses Berufsstandes haben das Wesen übrigens eigens zum Zweck ihrer Nahrungssicherung erfunden. Sie sollten einfach mal mich dazu befragen. Eine Antwort würden Sie dann ganz ohne Pressetamtam erhalten. Der Zeremonienzwerg und alle anderen ständig Verzichtbaren hätten so getrost Zuhause bleiben können und mit ihrer Zurückhaltung zur positiven CO2-Bilanz beitragen können. Sie sehen jetzt, wie auch Ihr Leben in eine unabwendbare Kette von ständig verpassten Gelegenheiten mündet, Gutmensch Rechholz. Ist aber auch kein Wunder, bei so dämlichen Fragen!

Die Wahl des Veranstaltungsortes gehört natürlich zur perfiden Strategie des Gerechten. Wo gibt es in Dawillichleben schon so viel Angst vor dem Fremden, wie dort? Da hinterm Berg, im Tal der amerikanisch inspirierten Gutmenschsekten, bekommt man leicht 200 Angsthasen zusammen. Vom zweifelhaften Glück einer klerusindizierten Selbstbefriedung Beseelte, die Rechholz und seinen hart gesottenen Rhetorikern immer wieder gerne ihr Großhirn bloß legen, um es sich noch ein bißchen mehr mit glibberigem Altmännersabbel einkleistern zu lassen.

Was hätten die Besucher dieses sinnentleerten Suchens während der Zeit nicht alles Schönes tun können? Vielleicht miteinander reden, feiern, lachen! Es muss ja nicht immer gleich in einem profanen Akt der Fortpflanzung enden. Obwohl es anerkannte Gelehrte gibt die meinen, dass alle anderen Tätigkeiten, die nicht unmittelbar der Nahrungssicherung dienen, Reinformen von sexueller Sublimation sind. Hier also die typisch Rechholz'sche Variante: Erst die Leute mit ätzend langweiligem Gesabbel irr machen und sie dann zuhause vergeblich nach dem Sinn des Lebens suchen lassen. Diese Form von Sadismus wird dann in einer immer ähnlich super klingenden Pressemitteilung als Erleuchtung verhökert.

Die Besucherzahl dieses Events erscheint frappierend stabil. Kein Wunder, die armen Menschen müssen jedes Jahr wieder kommen! Mit längst an der globalen Moderne gescheiterten Weltbildern läßt sich natürlich auch partout im Rest des Jahres nichts finden, was unserer Existenz auch nur ansatzweise einen Hauch von Sinn verleiht. Dabei ist es doch so einfach: Frieden, Bildung, Toleranz und Umverteilung des Kapitals an alle. Dann stellt sich der Sinn des Lebens ganz ohne den Klerus und seine Speichellecker ein.

*Po|panz der; -es, -e <Herkunft unsicher>: 1. a) etw., was aufgrund vermeintlicher Bedeutung, Wichtigkeit einschüchtert, Furcht einflößt.

© Alle Rechte liegen bei den genannten Autoren.

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