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Die unüberlegte Law und Order Politik unseres Saubermannes Roth treibt seltsame Stilblüten. Nachdem der bürgermeisterliche Vorgrinser eine Kopfprämie auf die Ergreifung des letzten aktiven Bruchköbeler Graffitikünstlers ausgesetzt hat, ist nicht etwa die Abnahme der künstlerisch umstrittenen Aktivitäten zu verzeichnen.
Nein, sondern der Sonntagsspaziergänger findet überraschend eine Plastiktüte mit Bündeln von Farbdosen in einer ansonsten unbefleckten Bruchköbeler Gemarkung. Seit ich meine Brille verloren habe, bin ich zwar ungewohnt entdeckungsresistent aber meine Frau sichtete das auf dem Foto dokumentierte Schandbündel vergangenen Sonntag unter der jüngst noch von Stadtschrat „Elvis“ Dziony so schön teuer errichteten neuen Krebsbach-Brücke. „Das musst du fotografieren!“, wies sie mich spontan an. Tapsig, fast wie ein Blinder, ließ ich mich von ihr unter die Brücke führen und zückte meine Handykamera. Zwar hab ich’s erstens nicht gesehen und zweitens nicht die geringste Lust, einen Artikel zu schreiben, plagt mich doch seit November eine ganz profunde Schreibhemmung. Doch die Brücke erinnerte mich sofort an einen alten Eiterpickel der Kommunalpolitik und so entstand vor meinem inneren Auge das berühmte Pressefoto mit Dziony dem Dicken im Zentrum; der unter seiner schütteren Elvistolle voll Empörung auf das Bündel mit den Dosen deutet. Irgendwie fehlen mir diese typisch dziony’schen Posen, haben sie mich doch in der Vergangenheit immer brav zu einem neuen Artikel getriggert. Nachdem also in meinem Inneren wieder einmal solcherart selten gewordene Prozesse abliefen, schossen mir auch schon die Dimensionen dieser Entdeckung durch den Kopf. Es sind die Abgründe eines kommunalen Dramas beginnend mit einer Menge nicht wasserlöslicher Lacke inmitten der schönen Krebsbachaue. Sterbende Mikroorganismen und Kleintiere. Zwangscolorierte Bioindikatoren, farbverschmierte Enten, die in Kisten gesammelt werden. Forellen mit Verdauungsbeschwerden und, oh Gott, empörte Grüne, die jäh im Freudentaumel der bevorstehenden Renaturierung dieses Kleinods von einem Biotop innehalten und den Knüppel profaner Umweltkriminalität vor den Kopf geschlagen bekommen. Ich sehe versprengte Häuflein von um die Natur weinender Gutmenschen, die nach dem kraftvollen Arm des neuen, unverbrauchten Stadtschrates rufen. In meiner Vision legt sich langsam der lange Schatten von Uwe dem Kutscher über die Szene. Unter dem silbrigen Klingeln der Sporen an seinen Stiefeln beruhigt sich das Schluchzen und Weinen seiner weichherzigen Untertanen. Mit der vollen Sicherheit eines niemals erträumten Gehaltes und der künftigen Rente in ungeahnter Höhe tippt er sich lässig an den breit gekrempten Cowboyhut, schlägt den schweren Ledermantel zurück und streichelt sinnlich über den Griff seines neuen Colts. Ein paar pro- und postklimakterische Damen in seiner unmittelbaren Nähe werden vom Schwindel einer aufkommenden Ohnmacht erfasst. Soviel ungedämmte Männlichkeit ist zuviel für ihre weiblich zarten Sinne. Uwe weist schnarrend einen dienstbeflissenen Untertan an, den Schandfleck aus dem Krebsbach zu entfernen, zu kapseln und in die städtische Dekontaminationsanlage zu transportieren. Die Damen plumpsen endgültig haltlos zu Boden. Ein weiteres Trugbild beiseite wischend sehe ich dann plötzlich den wahren Kern der Tragödie. Nachdem der tolle Roth seine Kopfprämie ausgelobt hatte, ist der Fahndungsdruck auf Graffitikünstler in Bruchköbel enorm gestiegen. Ganz besonders ist die Angst unter den machtlosen Eltern dieser künstlerisch ambitionierten Rebellen gestiegen. Der Beutel mit den Farbdosen zeigt, was Roth mit seiner Kopfprämie wirklich erreicht hat: Eltern verlieren derart die eh schon strapazierten Nerven, dass sie panikartig Farbdosen ihrer Kinder anonym in der Natur "verschwinden" lassen. Die Mülltonnen sind aufgrund von steigenden Kosten und daraus folgendem Müll-Vandalismus zunehmend starker Überwachung unterworfen. Man kann so gut wie nichts mehr unbemerkt in Nachbars Tonne hauen. Geschweige denn in die eigene. Und Sprühdosen zur städtischen Sammelstelle zu bringen, kommt einem umfassenden Geständnis gleich. Roth wirkt im Gewerbe: Ein Hanauer Farbgrossist hat mal wieder ein gutes Geschäft. Dort haut gerade ein pubertierender Bengel sein Taschengeld auf den Kopf, um wenigstens die Grundfarben für die Ausübung seiner rebellischen Berufung zu beschaffen. Im Laufe des Jahres dürfte er die Palette dann wieder komplettiert haben. Um den Frust über die außerplanmäßigen Ausgaben auszugleichen und das Handgelenk zu lockern, nimmt er sich dann zunächst mal das Schiff der Jacobuskirche mit ein paar "Tags" vor. Nach dem Motto: Viel hilft viel. Das ham se jetzt davon die Säcke! Was machen die geschockten Eltern? Die hassen Michael Roth und die Pubertät. Aber das hilft weder ihnen noch der Gesellschaft. |