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Tod eines Rebellen PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Martin Reisbeck   
27.06.2006

Bruno der BärWir trauern um Bruno, den letzten Rebellen der nördlichen Hemisphäre. Wochen lang waren die Nachrichten gewürzt mit des Bären Bruno vorzüglichen Beiträgen über das befriedigende Dasein in einem frei gewählten Leben.

 

Wir wussten natürlich, dass es keine freie Wildbahn war, aus der sich der "Art erhaltene" Bruno zu seinen Streifzügen gelöst hatte. Das war es, was unsere Freude über seine unwiderstehlich natürliche Dreistigkeit erweckt hat: Ein Bär war einmal im Leben wirklich frei. 

 

Bruno sorgte wochenlang für Abwechslung im eintönigen Nachrichtenbrei. Und wir haben uns diebisch gefreut, wenn wieder Herr Wickert verlautbarte: „Bruno hat ein Schaf gerissen und einen Hühnerstall aufgebrochen, in dem er Angst und Schrecken verbreitete. Seinen Verfolgern ist es nicht gelungen, das Tier einzufangen. Bruno entkam an einen unbekannten Auftenthaltsort zwischen Deutschland und Österreich.“

 

Dem stressigen Arterhaltungsprogramm entwischt, hatte der Bär keine Scheu, sich an der besser gedeckten Tafel des Menschen zu bedienen. Er war eine Naschnase, ein Grenzgänger und Entertainer. Eilig vor die Kamera gezerrte Experten attestierten dem Tier dagegen widernatürliches Verhalten. Was ihn zu einem „Schadbären“ machte. Bruno habe die Scheu vor dem Menschen verloren und das sei gefährlich. Er müsse mit Vergrämungsstrategien in sein ursprüngliches Habitat verwiesen werden, war das Ergebnis.

 

Echte Experten attestieren solcherart Schnellschuss - Gelehrten natürlich einen profund weichen Keks am Rande beginnender Demenz. Niemandem ist Bruno bis zu seinem gewaltsamen Tod besser ausgewichen als dem Menschen. Versetzen Sie sich mal in Brunos Lage. Stellen sie sich vor, sie seien Wissenschaftler und stehen in einem dunklen Wald, wo es nach sattem Etat duftet. Was tun Sie? Würden sie umdrehen, weil der Wald nicht das ihnen zugewiesene Habitat ist? Bruno aber sollte wissen, wo sein amtlicher Lebensraum endet. Diesen absurden Unsinn mussten wir täglich hören von Leuten, die mit unseren Steuergeldern studierten und offensichtlich immer noch davon leben.

 

Bruno war ein kluger Bär. Intelligenter als seine Artgenossen, die sich an die restriktiven Vorgaben der Artentrennung halten. Die anderen leben zwar noch, leiden dafür aber unter extremer Konkurrenzlosigkeit, kopulieren unter Beisein von artfremden Beobachtern und erleidenden den Druck hoher Population auf kleiner Fläche. Sie leben, müssen aber den romantischen Schmacht vom Naturschutz beseelter Nostalgiker aushalten, die an einer Front kämpfen, wo man kaum gewinnen kann. Auch kein Bär.

 

Die Tiere in der Anonymität der Reservate erfreuen sich kaum einer täglich wachsenden Beliebtheit bei den Menschen. So, wie ihr Artgenosse Bruno. Der war ein verwegener Forscher, Grenzgänger und Genießer ausgewählter Gastlichkeit. Bruno, hervorragender Botschafter einer Wildnis mit Würde. Der kluge Bär hat ganz bewusst Grenzen überschritten. Weil er fest davon überzeugt war, dahinter auf ein besseres Leben zu stoßen. Da die arrogante darwinistische Naturbetrachtung aber Tieren ein Bewußtsein in dieser ausgeprägten Form nicht zugesteht, bleibt solchen Wissenschaftlern nur die Einordnung zum Schadbären. Jede andere Erklärung dieses Verhaltens liegt nicht im Mainstream der Theorie. Ja, es gibt sicher viele Gründe, warum das Tier sterben mußte.

 

Brunos kulinarische Streifzüge durch das deutsch- österreichische Grenzgebiet wurden schnell Legende. Schaf, Geflügel und Honig standen auf seiner reich gedeckten Tafel. Und die eilig ausgegebene Parole, man wolle ihn mit einem Betäubungsgewehr einfangen, beruhigte jeden, der um das Leben dieses klugen Meister Petz bangen musste.

 

Doch kein Wissenschaftler war in der Lage, den gerissenen Outlaw während seiner Ruhephasen aufspüren. Finnischen Jagdmeuten, speziell zur Bärenjagd ausgebildet, entfleuchte Bruno mit beruhigender Verlässlichkeit. Er war die Befreiung von allen unumstößlichen Regeln des modernen Lebens. Bruno der Bär stellte unsere Welt auf den Kopf. Er war die letzte Verzückung der Freiheit in unserem festgezurrten System. Das ist jetzt vorbei.

 

Die bayerische Amigo-Lösung: Den Aufenthaltsort Brunos hatten geldgeile Almbewohner an drei Jägerbonzen verpetzt. Der arme Held im Zottelpelz wurde hinterrücks aus 150 Metern Entfernung gemeuchelt. Eine verlogene, in das Licht von Heimatsaga getauchte Berichterstattung behauptet etwas von "waidgerecht". Feige Mörder vermelden einen nach Kräften total asymmetrischen Abschuss. "Waidgerecht" bedeutet im Kern, dass nach dem Tod des Bären reichlich Schnaps gesoffen wurde. Wie es im blutigen Gewerbe so üblich ist.

 

Nun gibt es keine Freiheit mehr. Auch nicht die für wilde Tiere. Obwohl Tiere einst stolzer Inbegriff der Freiheit waren. Einer der wenigen lebenden Beweise dafür, dass es Freiheit gibt, ist tot. Die Zeichen wurden erkannt und aus dem Tagesgeschehen getilgt. Schaut euch die Menschen genau an, die nun sprechen. An ihnen erkennt ihr, was vom Schadbär am Ende übrig bleibt: Dementi und Rechtfertigung. Schade Mensch. Ordnung muss eben sein im bayerischen Dirndlparadies.

© Alle Rechte liegen bei den genannten Autoren.

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