WORLD TV, Donnerstag 22. Juni 2006 - Während eine Zahnpasta mir „Triple Action“ verspricht, denke ich über Herrn Bush nach. Der ist gerade in Ungarn unterwegs. Da hat er sich schmerzlich gefragt, wie man nur die amerikanischen Soldaten schützen kann vor einem so hinterlistigen Feind - „…der nicht davor zurückschreckt, sich anzuschleichen um unseren Soldaten in den Rücken zu schießen!“
Der Mann ist nicht von dieser Welt. Dem ungarischen Präsidenten ist während der Rede des Amerikaners in Zeitlupe die Kinnlade heruntergeklappt. Kameras können unerbittlich in der Beobachtung sein. Man sah ihm an, dass er nicht glauben konnte, was er da hörte. Während sein Kollege über das Berufsrisiko seiner Truppen Klage führte, schüttelte der Ungar, vom Unglaublichen sichtlich bewegt, langsam den Kopf. BBC World hat es gesendet. Das lief heute über TV. Zwei Mal am Nachmittag. Dann haben Berater des Präsidenten die Katastrophe wohl auch bemerkt. Sie haben den Sender, der ja bekanntlich aus London sendet, dazu bewegen können die Ausstrahlung der peinlichen Einstellung zu korrigieren.
Unter Waffenbrüdern ist man gerne behilflich. Sicher wird es aber auch eine Kleinigkeit gekostet haben. So einen Klops bekommt man schließlich nicht alle Tage vor die Linse. Jedenfalls wurde die Schote eines klagenden Amerikaners am Abend nicht mehr gesendet. Statt dessen ließ sich der Mann aus Amerika, der eine Uniform bisher gewiss nur zu Fototerminen getragen hat, über die großartige ungarische Freiheitsliebe aus, die der amerikanischen in nichts mehr nachstehen soll.
Mittlerweile schäumt die „Triple Action“ in meinem Mund und ich denke: „Diese Stringenz, in der die freien Medien mit der Macht kopulieren, hat etwas entwaffnend Offenes. Wer nicht pariert, muss sich hinten anstellen und verliert Marktanteile. Die Freiheit ist nichts weiter, als ein großes Geschäft. Sogar die Berichterstattung über die Freiheit ist von der Entstehung an mit derben Akten der Desinformation befleckt, wie offen, aktuell und freundlich uns die Nachrichten auch daherkommen. Nachrichten sind Geschäft und das, was davon für uns übrig bleibt. Die Politik regiert nur noch für die Medien. Egal, was läuft, Hauptsache es kommt gut rüber.“
Entgegen der landläufigen Meinung, dass an dieser Freiheit trotzdem etwas Liebenswertes ist, weil sie das Individuum angeblich weitgehend unbehelligt lässt, beobachte ich das Gegenteil: „Unsere Politiker entscheiden für sich selbst unverdrossen Diäten- und für uns Mehrwertsteuererhöhung. Die Verantwortung tragenden Eliten schützen sich und ihr gut situiertes Klientel durch unselige, gesetzgeberische Winkelzüge vor nachrückendem, gierigen Jungvolk. Sie bürden den Eltern in Erziehung und Bildung Kosten auf, die nach Gesetz und Tradition der Staat zu tragen hat. Was, bitte schön, hat das alles noch mit liebenswerter Freiheit zu tun? Die institutionellen Eliten halbieren uns die Mark, und ihre Freunde, die ökonomischen Eliten erhöhen die Löhne nicht, sondern die Arbeitszeit. Sie stopfen unser Geld in Verwaltung, Wirtschaft und auf die Konten rühriger Lobbybetreiber. Dann zeigen sie mit dem Finger auf "sozial schwache" Leistungsbezieher, um dem Wahlvolk ein geeignetes Hassobjekt vorzuschlagen, das sie völlig unblutig günstig erworben haben. Der Arbeitslose ist das Abfallprodukt ihrer Gesetzgebung und der Gier von Aktionären.
Wir leben faktisch im Wirtschaftskrieg, in dem uns die eigenen Leute in den Rücken schießen, Herr Bush! Sowas ist bei euren Militärs eher die Ausnahme. Vielleicht, wenn sie mal nicht durchblicken. Das kann passieren. Hier aber knallen die Eliten dem Bürger in den Rücken und kaum einer findet das merkwürdig! In Hessen hängen sie mit Hilfe ihres virtuosen Vorlügners Koch und seiner willfährigen Vollstreckerin, Karin Wolf, Kinder aus sozial schwächeren Schichten gerade final von den letzten Möglichkeiten eines gesellschaftlichen Aufstiegs ab, um die privilligierten Positionen ihres Bonzenklientels vor der Inflation durch nachrückenden, akademischen Nachwuchs zu bewahren.“
Über den Anteil des Proletariats an den Produktionsmitteln redet sowieso schon lange keiner mehr. Mit dem Niedergang des kaputt korrumpierten Kaviarproletariats der Sowjets ist leider auch dieser, einer der glorreichsten dialektischen Ansatzpunkte des Kommunismus auf ewig obsolet geworden. Außerdem wollte sich ja sowieso niemand mehr zum Proletariat gerechnet sehen. Schon von daher sind keine potentiellen Miteigentümer für die Produktionsmittel mehr in Sicht. Diese Klasse hat sich leider ganz ohne Not von selbst aufgelöst. Wo bleibt da jetzt die Freiheit? Auf der Strecke. Oder verstehe ich da was falsch?
Na und wie ich die „Triple Action“ dann so ausspucke, nachspüle und die Zahnbürste zur Seite lege, denke ich mir noch: „Hoffentlich hat sie jemand mitgeschnitten! Bush ´s Rede zur Freiheit in Ungarn.“ Dann kann man wenigstens noch drüber lachen, was er so Freiheit nennt. Mehr Freiheit gibt es sowieso nicht mehr.