|
Von Janina Krawitz, Nidderau. Nachdem wir alle den Jetlag überwunden hatten, zeigte sich, dass wir nicht einfach nur in eine andere Zeitzone gereist waren, sondern, dass wir in einer Welt gelandet waren, die auch ohne Zeit und ohne Uhren leben kann. Das war nicht nur eine komplett neue Erfahrung, sondern teilweise ein richtiges Erlebnis.
Wulf (Anm.d.Red.: Wulf Hilbig, der verantwortliche Lehrer) hatte uns schon bei den Vorbereitungen erzählt, dass die Nicas es mit der Pünktlichkeit nicht so genau nehmen und oft zu spät kommen. Jedoch hätte ich mir nie vorstellen können in welchen Ausmaßen diese Aussage für die Pünktlichkeit oder besser Unpünktlichkeit zutraf. Gleich am Anfang unseres Aufenthalts fiel mir auf, dass die Uhr, die in der Küche meiner Gastfamilie hing, stehen geblieben war und nach der dicken Staubschicht, die sich schon auf ihr gebildet hatte, schien die Küchenuhr schon seit längerem nicht mehr zu funktionieren. Trotzdem blickten die Mitglieder meiner Gastfamilie immer wieder auf die Uhr um mir danach mitzuteilen, dass es schon spät ist und ich bald losgehen müsste. Ich war völlig verdutzt, da sich die Zeiger ja seit meiner Ankunft keinen Millimeter bewegt hatten und es trotzdem keinem aufzufallen oder zu stören schien, dass die Uhr stehen geblieben war. Schließlich gab es im Haus ja noch eine zweite Uhr, nicht in der Küche, aber im Wohnzimmer, die ging wenigstens, zwar ging sie zwanzig Minuten nach, aber was sind schon zwanzig Minuten in einer Welt wie Nicaragua, wo die Gemütlichkeit herrscht. Noch mehr beeindruckte mich der große Uhrturm, der im Stadtzentrum Diriambas steht. Auf jeder seiner vier Seiten ist eine große Uhr angebracht, nur gab es Tage an denen jede Seite eine andere Uhrzeit anzeigte. Dann fiel uns nach der ersten Woche auf, dass die einzelnen Uhren nicht einfach eine bestimmte Zeit nach- oder vorgingen, sondern es schien so, als ob sie jeden Morgen neu gestellt werden würden, jedoch jeden Morgen falsch. Es gab unzählige kleine Erlebnisse, die uns immer wieder den Unterschied zwischen tiempo nica (nicaraguanischer Zeit) und tiempo alemana (deutscher Zeit) zeigten und damit meine ich nicht die Zeitumstellung, sondern die völlig unterschiedliche Einstellung der beiden Kulturen zur Zeit. Zum Beispiel fragte ich eines Abends Maras Gastbruder wie viel Uhr es sei, er zeigte mir die Uhr an seinem Handgelenk und erklärte mir, dass sie schon seit langem stehen geblieben ist, und er sie nur noch trägt, weil sie gut aussieht. Wir waren alle tief beeindruckt von dieser völlig anderen (zeitlosen) Lebensart und passten uns mehr oder weniger dem Rhythmus der Nicas an. Es verging kaum ein Tag an dem wir uns trafen und Wulf nicht mindestens zwanzig Minuten nach der vereinbarten Zeit am Treffpunkt auftauchte. Aber auch an uns Schülern merkte man, dass uns Zeit viel gleichgültiger wurde. Wir schlenderten durch Diriambas Straßen in einem so langsamen Tempo, dass ich in Deutschland bestimmt das Gefühl bekommen hätte wir würden rückwärts laufen. Zu den abendlichen Fiestas (Feiern) kamen wir auch meistens eine halbe Stunde, manchmal auch eine ganze Stunde, zu spät. Zum Glück störte das die Nicas nicht. Sie waren an das Warten gewöhnt. Durch diese wunderbar zeitlose Gemütlichkeit fiel uns auf, wie arm wir doch eigentlich in Deutschland sind. Zwar fehlt es uns weder an Geld noch an anderem materiellem Reichtum, das haben wir beides im Überfluss; jedoch fehlt es uns an Zeit, die Dinge, die wir haben, zu genießen. Und diese Erkenntnis bestätigt nicht nur Albert Einsteins Theorie: Zeit ist relativ, sondern sie zeigt auch, dass Zeit ein selbstgebauter Käfig sein kann, aber dass es eben auch andere Wege gibt mit der Zeit umzugehen, beziehungsweise mit ihr zu leben. |