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gemein unabhängig - bösartig modern - 7. Jahrgang - März 2010
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Bürgermeister Roth hat es getan PDF Drucken E-Mail
Magazin Kapitel - Bruchköbel
Geschrieben von Martin Reisbeck   
01.01.2005

Gut's Nächtle, Freiheit...Bürger genießt die letzten Tage! Haut noch mal so richtig auf die Kacke. Wenn die neuen "ehrenamtlich Freiwilligen" durch die Stadt marschieren, ist das alles vorbei. Parken Sie ein letztes Mal gegen die Fahrtrichtung. Vergessen Sie die Parkscheibe. Spucken Sie auf den Bürgersteig, kicken Sie die Coladose in den Rinnstein und schnippen Sie Ihre Kippe auf die Fahrbahn. Das ist alles bald vorbei. Überfallen Sie noch einmal eine Oma zu Hause und schnappen Sie ein letztes Mal nach der Handtasche vor dem Supermarkt. Tretet dem Versehrten nochmal die Krücken weg. Riecht letztmalig das Gummi der Reifen, wenn ihr sie aufschlitzt. Was waren das doch für reich bestückte Wohnungen in Bruchköbel. Oh Ihr Mülltonnen! Wie seid ihr doch so schön gefallen, bevor wir euch angezündet haben. Wenn in Kürze die neuen Freiwilligen, die ehrenamtlichen Hilfspolizisten für sieben Euro pro Stunde auf Streife sind, ist das alles Schnee von Gestern. Dabei hat es doch so einen großen Spaß gemacht, die Wände zu besprühen, Zäune einzureißen und den Müll in die Gemarkung zu jubeln. Was war das doch für eine Freude, als die Reifen gefunden wurden. All das soll von nun an vorbei sein? Die Superfotos vom empörten Stadtrat Dziony. Vorbei? Noch ein letztes Mal will ich ohne Druck im Nacken vor dem Bäcker im Parkverbot stehen. Das wirkt so schön entspannend zum Frühstück. Oh, wie werde ich es vermissen, das beschickert in die Hecke pissen. Und nach dem Kneipenbesuch voll besoffen in den Blumenkübel kotzen. Ach, war das alles herrlich. Der diesjährige Weihnachtsmarkt wird so zum Abschiedsfest.

Reicht die Flasche, zündet den Joint an und küsst mir den Bauchnabel. Legt die Line quer über den Tisch. Oh, du Glut im roten Weine. Schluckt noch einmal die Pillen mit dem Traum. Michael Roth zeichnete den Untergang des süßen Lebens. Ab jetzt wird hier Ernst gemacht mit Ordnung und Sicherheit. Wir waren fast frei aber nun schlägt die hessische CDU zurück.

Um sechs Uhr Apell mit Aufziehen der Stadtfahne. Der einzige Stadtrat prüft den Sitz der Uniform sowie die Fingernägel. Sieben Uhr Rapport beim Bürgermeister. Siebendreissig Ausschwärmen. Süßer die Kasse nie klingelt, als zur Weihnachtszeit. Das kommt aber erst so gegen Zehn. Wenn die Muttis und Rentner in die Stadt fahren.

Vorher, kurz vor Acht erfolgt das Beobachten der Schulen sowie der Schulwege. Genau da treibt sich nämlich ein ganz spezielles Klientel herum! Ein Mann wird abkommandiert zur Beobachtung der Schulpausen. Da werden Stichproben gemacht und ein Delikt läßt sich immer finden. "Jawoll, Herr Bürgermeister! Die Pirsch!" Die kräftigen Männerstimmen bringen angenehm sein Zwerchfell zum Vibrieren. Herrn Rabold schwindelt es gar ein wenig. "Abtreten zur Mission!" Wie ein Block gehen die durchtrainierten Rentner und Arbeitslosen in die Kehrtwende. Kamera, Reizgas und Knüppel geben dabei eine eigenartige Musik, wenn sie gegen Gürtel und Koppel klappern. Und wie ein Mann marschiert die Truppe aus der Amtsstube.

Am Abend liegt die Gemeinde dann ganz ruhig und friedlich in der blutroten Sonne. "Ist es nicht herrlich geworden in unserer Stadt?" Bürgermeister Roth blickt zufrieden auf eine viel zu große Zigarre während seine Gemahlin lasziv an ihrer Orangina zieht. "Am Schönsten finde ich es ja, daß die Landfrauen jetzt wieder so häufig im Stadtbild erscheinen. Und du, Schatzi? Was gefällt dir am Besten an unserer neuen Ordnung?" "Die vielen alten Menschen, Zwergilein. Endlich können sie wieder einen Abendspaziergang machen, ohne um ihr Leben fürchten zu müssen." "Ist das wahr, Schatzi?", fragt er zärtlich als gerade ein Rettungswagen mit Blaulicht und Martinshorn durch das Viadukt hereinjagt. Im Altenheim hat es mal wieder einen Notfall gegeben.

© Alle Rechte liegen bei den genannten Autoren.

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