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In letzter Zeit bringen die Zeitungen immer mehr Unsinn. "Die Demonstrationen ersticken Frankreichs Städte", heißt es in einem Text im International Herald Tribune aus Paris. Was soll man davon halten? Meine Frau Elizabeth hat die ganze Sache verfolgt:
"Es ist eine faszinierende Geschichte", fängt sie an "aber es ist schwer sich vorzustellen, wie daraus etwas Gutes hervorgehen soll. Frankreich hat eine sehr hohe Arbeitslosenquote, insbesondere bei den jungen Leuten, da liegt sie bei ungefähr 20 %. Bei den Leuten aus den Vorstädten, den Immigranten aus Nordafrika, liegt sie sogar bei 40 %. Also hat sich die Regierung entschlossen, etwas zu unternehmen, was es den Arbeitgebern leichter macht, diese Leute einzustellen. Anstatt sie gleich ihr ganzes Leben lang einstellen zu müssen, so wie man es bei normalen Angestellten in Frankreich tun muss, kann man sie in den ersten beiden Jahren jederzeit wieder feuern ... ohne dass man mit hohen Strafen rechnen muss."
"Doch die Studenten und die Gewerkschaften halten diesen Schritt für den Gipfel eines Eisbergs. Sie haben es ziemlich gut. Sie müssen nicht besonders hart arbeiten – erinnere dich, die Arbeitswoche hat nur 35 Stunden und sie haben 35 Wochen bezahlten Urlaub. Es ist unglaublich, sie müssen wissen, dass sie mehr bekommen, als sie verdienen und dass es auf Kosten all derer geschieht, die überhaupt keine Stellen kriegen. Also sind sie entschlossen, ihre Muskeln spielen zu lassen und alles zu verhindern, was zu einer generellen Reform des Arbeitsmarktes führen könnte."
"Aber gleichzeitig passiert noch etwas anderes. Die Leute aus den Vororten – les casseurs – nutzen die Situation zu ihrem eigenen Vorteil. Die gleichen Leute, die noch im Herbst Autos in Brand steckten. Sie sind überwiegend Rowdys, aber sie kommen jetzt in die Städte und schließen sich mit den Protestierenden zusammen und ehe man sich versieht, kommt es zu Gewalt. Und das trotz der Tatsache, dass sie diejenigen sind, denen die Reformen nutzen sollten."
"Es wäre schön, wenn die Regierung ihren Standpunkt beibehalten könnte – wie Ronald Reagan gegen die Fluglotsen oder Maggie Thatcher gegen die Bergarbeiter, aber die Franzosen haben da andere Vorstellungen. Sie schätzen die "Solidarität" mit den Arbeitern hoch. Sehr wahrscheinlich wird die Regierung vollständig von ihren Plänen zurücktreten. Ich gehe sogar davon aus, dass sie das schon getan hat."
"Nicht gut", ist vermutlich die beste Möglichkeit, den Ausgang der gegenwärtigen Probleme in Frankreich zu benennen. Auch hier beobachte ich, wie die Geschichte aus ihrem Schlummer erwacht und bereit ist, jemandem in den Hintern zu treten.
Was ich hier erlebe, ist ein Beispiel für das, was mit Institutionen passiert – selbst mit der modernen Demokratie. In der Theorie ist die Demokratie das Ende der Geschichte. Die Leute können ihre Stimmen für die notwendigen Reformen abgeben. Sie können die "Stümper rauswerfen". Deswegen braucht es auch keine Revolutionen mehr, um die selbstgerechten, unverdienten Regierungen zu stürzen.
Aber so funktioniert es nicht. Wenn Institutionen in die Jahre kommen stellen immer mehr Leute fest, wie sie ihren Vorteil aus ihnen schlagen können oder das System herausfordern können. Diese Leute haben kein Interesse daran, etwas am Status quo zu verändern. Stattdessen versuchen sie in eine Machtposition zu gelangen und Wege zu finden, jeden Wandel zu vereiteln: Indem sie die Medien kontrollieren, oder den Wahlprozess, die Wahlbezirke verändern und so weiter. Wenn man z.B. die Zeitung liest, dann erfährt man nicht, was "wirklich passiert". Sie sehen, die Interpretation einer bestimmten Gruppe von Leuten, von dem was passierte. Leute mit einem bestimmten Hintergrund und einem bestimmten Pferd im Rennen. Im Prinzip reflektiert jede Schlagzeile und jeder Leitartikel die unbewusste Beeinflussung der bestehenden Institutionen und ihrer Befürworter.
Und genauso wie es fast unmöglich ist, ein Mitglied des Kongresses zu stürzen, so ist es auch unmöglich ein System zu reformieren, von dem das aktive Interesse von so vielen Leuten abhängt. Und das stellen die Franzosen gerade fest. Sie haben das Leben der kontrollierenden Klassen bequem ausgepolstert und Bestechungsgelder an die unteren Klassen bezahlt. Junge, aggressive und unternehmerische Franzosen verlassen häufig das Land; allein in London leben 100.000. Und was bleibt sind die Leute, die das System nicht verändern wollen. Sie wollen Teil des Systems sein. Das zeigte sich auch zuletzt in einer Umfragen, die ergab, dass drei von vier jungen Franzosen für die Regierung arbeiten wollen.
Alles verfällt, degradiert, degeneriert und stirbt irgendwann – selbst die moderne Demokratie und der moderne Kapitalismus. Es tut mir leid, dass ich Ihnen das sagen muss, aber was wäre das für eine Welt, wenn es anders wäre?
Wir danken dem Investor Verlag Bonn für die freundliche Überlassung des Artikels. Investor's Daily, den kostenlosen täglichen E-Maildienst für Investoren können Sie hier anfordern: www.investor-verlag.de |