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Guantanamo Bay Dawillichleben PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Martin Reisbeck   
20.02.2006

Schrei um Hilfe...Am Mittwoch, 22.2.06 präsentiert das „Stadtmarketing“ in der Mehrzweckhalle Oberissigheim „neu entwickelte Möglichkeiten und Ideen“, wie man Dawillichleben „stark, anziehend und attraktiv“ gestalten könnte. Liebhaber und Kenner kommunaler Realsatire sollten sich diesen Termin nicht entgehen lassen. Wenn sie genau hinschauen, erhalten sie interessante Einblicke in das Innenleben von verzagtem Gewerbe, gerissenen Politikern und willfährigen Bürgern, die alle auf der Bugwelle des Stadtmarketing nichts falsch machen können und zwangsläufig doch wieder alles in den Sand setzen werden.

 

 

Nachdem die „Lange Meile“ für das Gewerbe in Bruchköbel trotz aller Euphorie zur staubtrockenen Durststrecke wurde und auch verkaufsoffene Sonntage und andere halbherzige Initiativen des hiesigen Gewerbes keine Renner unter den Umsatzträgern wurden, witterte Bürgermeister Plagiatus M.H. Roth seine Chance, wie er vielleicht doch nicht als der Versager in die Dawillichlebener Bürgermeisterhistorie eingehen könnte, der er bis heute unbestritten geblieben ist. Roth rief Gewerbetreibende, Vereine und Kirche zum „runden Tisch“ und begeisterte die dort versammelte Dawillichlebener Depression mittels einer gehörigen Portion heißer Luft und Beiwerk süßer Töne derart, dass man mittlerweile von einer Art kollektivem Erfolgsrausch sprechen kann.

 

Doch schaut man einmal genau hin, worum es bei der Initiative eigentlich geht, und mit welchen Mitteln die Ziele erreicht werden sollen, kommt man sehr schnell zum Schluss, dass es sich hier einzig um eine raffinierte Aktion handelt, wie man die nächste Legislatur im Stadtparlament wieder kommod mit der absoluten Mehrheit absitzen kann. Denn substantiell hat die CDU aus der nun ablaufenden Periode nichts weiter vorzuweisen, als lustige Bildchen vom Bürgermeister neben Jubilaren und unschuldigen Kindern, die sich nicht wirklich gegen Fotos mit Zwergen und Grinsbacken wehren können. Somit kommt dem Stadtmarketing Bruchköbel nun die Schlüsselfunktion zu, wie dem Bürger kurz vor der Wahl doch noch nachhaltiger Erfolg suggeriert werden kann.

 

Kenner des städtischen Gesamtszenarios fragen sich immer wieder, was eigentlich an dieser Stadt anziehend und attraktiv sein soll. Wo soll das herkommen, wenn man es mal grob historisch pauschalisiert? Nachdem die SPD in den siebziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts zusammen mit raffgierigen Erben und zupackenden Bauunternehmern die Hälfte der über die Jahrhunderte gewachsenen Innenstadt flach gelegt hat, blieb von einer historischen Bausubstanz nur noch wenig Attraktives übrig. Wen also alte bauliche Ensembles begeistern, dem wird hier nicht wirklich viel geboten.

 

Und wer sich für Menschen und Originale interessiert, ist hier auch völlig fehl am Platz. Von der spröden Art der alten Bruchbewohner und ihrer drögen Nachkommen im feuchten Wald nördlich von Hanau einmal abgesehen, haben die hier massenhaft angesiedelten Ostflüchtlinge des vergangenen Weltkrieges kaum eine Mentalität tief greifender Fröhlichkeit in ihrem Persilkarton mitgebracht. Das später auch noch hinten drauf gesattelte situierte Bürgertum ist in der Hauptsache von der Angst beherrscht, das einmal Erreichte wieder zu verlieren. Wer hier also offene, fröhliche Menschen sucht und die herzliche Begegnung mit einem originellen Volk zu schätzen weiß, ist auch fehl am Platze. In Dawillichleben herrscht missmutige Wagenburg – Mentalität mit starkem Hang zum Selbstmitleid und solide ausgebildete Raffgier mit einem Hauch an Selbstüberschätzung. Das kann ich dem Bruchköbeler Volk mal ganz ungeniert ins Stammbuch schreiben. Mit der inständigen Bitte verbunden, daran endlich mal was zu ändern. Wo soll hier also anziehende Attraktivität herkommen? Aus der evangelikalen Fremdenhass-Szene des Gerechten Rechholz etwa, die ihre Feste in Oberissigheim aufgestellt hat?

 

Da eine niemals vorhandene Attraktivität aber unverdrossen vom persönlichen Marketing des Bürgermeisters stolz verkündet wird, welches praktischerweise in Personalunion auch gleichzeitig das Stadtmarketing ist, fangen die zwischen Umsatztief und Pleite gefangenen Unternehmer langsam an, selbst daran zu glauben und tragen die ursprünglich eigennützige Initiative des Bürgermeisters begeistert mit. Nur Außenstehende, wie wir neu zu gereisten Bürger können erkennen, dass dem Aufruf und dem Mantra der Selbstbeschwörung nun endlich neue Ideen zu haben, zwingend keine wirklichen Innovationen folgen können.

 

Wo sollen die denn herkommen? Von einem Gewerbe, dass seit Jahren unbeweglich in Schreckstarre auf Umsatzrückgang und Mitbewerber vor dem Viadukt stiert? Jeder, der schon einmal einen geschäftlichen Absturz erlebt hat weiß, wie wenig inspirierend so eine Situation ist. Neue Ideen von einem Bürgermeister, dessen einziger innerer Motor der Erhalt des einmal erreichten Status ist? Jeder ahnt, wie wenig originell aber wie durchtrieben man sein muss, um heute Bürgermeister zu werden. Von einer Marketingchefin, deren einzige Motivation der Erhalt ihres neu geschaffenen Arbeitsplatzes ist? Jeder kann sehen, wie diese Frau von anderen abschreibt, anstatt eigene Ideen zu entwickeln. Was von den Vereinen und dem Klerus als weitere innovativ orientierte Komponente in dieser Lokalposse zu halten ist weiß jeder, der sich der rückläufigen Mitgliederzahl dieser streng eindimensionalen Institutionen bewusst ist.

 

Besonders schockierend ist der Plan für einen „Sonnenaufgangsmarkt“. Die Marketing - Schergen des Bürgermeisters wollen am Sonntag, den 11. Juni um 5:30 Uhr tatsächlich einen Weckruf durch Trompeter exerzieren lassen. Als Innenstadtbewohner winsele ich um Gnade und flehe die Opposition im Parlament an, dieses Unterfangen als offenen Bruch der Genfer Konvention anzuprangern. Man darf durch Wohnhaft Gefangene nicht mittels Lärm und Schlafentzug dazu zwingen, in Dawillichleben einkaufen zu gehen! Beide Anwendungen sind international geächtete Foltermethoden. Ferner verlange ich einen Anwalt und sofortige Entlassung von Politik und Bürgern aus diesem Guantanamo Bay des Gewerbes und eines Bürgermeisters, dem jedes Mittel recht ist. Hauptsache, er bleibt Bürgermeister.
© Alle Rechte liegen bei den genannten Autoren.

so much
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