spacer
spacer spacer
unabhängig und modern
gemein unabhängig - bösartig modern - 7. Jahrgang - Juli 2010
spacer spacer
spacer
spacer spacer spacer spacer
spacer
spacer spacer
Hauptmenu
Im Moment sind
544 Gäste online

Die Zukunft von Dawillichleben PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Martin Reisbeck   
09.01.2006

Dichtung und Wahrheit...„Was haben wir alle, was uns keine noch so schlechte Konjunktur und keine Steuererhöhung nehmen kann? Was ist nie eine Lüge? Kommen sie, darüber haben wir bereits gesprochen“. Das Schweigen nach der Frage wird zunehmend länger. Der Bürgermeister von Dawillichleben rutscht unruhig auf seinem Stuhl hin und her. „Na kommen Sie, Herr Roth, das muss etwas schneller raus.“

 

Der untersetzte Ortsvorsteher kratzt sich am Rande einer deutlichen Geheimratsecke fahrig das krause Haar und fragt zögerlich: „Ist es die…?“ Er hält das Wort gerade noch mit einem hörbaren Schlucken zurück. Der Trainer blickt ihn scharf an. Doch dann sprudelt es wie ein Stoßgebet aus Roth hervor. Sein rechter Arm fliegt wie ein Ausrufezeichen in die Luft und er ruft aufgeregt: „Zukunft! Es ist die Zukunft!“ Der Trainer wirbelt mit auffliegendem Rockschoß herum und zieht leicht in die Knie gehend das Wort „Zukunft“ in zackigem Strich auf das Flipchart. In das abgehackte Quietschen und Streichen des Filzschreibers hinein meint er tadelnd: „Das muss einfach schneller gehen, Herr Bürgermeister. Mit viel mehr Überzeugung. Das kommt von ganz tief drinnen. Aus dem Bauch heraus. So ein wichtiges Wort muss praktisch von den Wänden rinnen, wenn es raus ist!“ Bei den Worten ‚Aus dem Bauch heraus’ zieht er mit Nachdruck bei jedem der Worte eine Linie mehr um die Zukunft herum, so dass sie schließlich in einem Kasten zu stehen kommt.

 

Roth blickt beim Mitschreiben plötzlich verständnislos von seinen Notizen auf: „Von den Wänden rinnen?“, fragt er zweifelnd. „Bildlich gesprochen, Herr Bürgermeister, bildlich gesprochen.“ Der Management-Trainer fixiert Roth auffordernd. „Kommen Sie! Noch einmal! Sie können es!“ Mit dem Zeigefinger drückt der Bürgermeister von Dawillichleben seine Brille über der Nasenwurzel fest. Ein Ruck geht durch seinen Körper, er drückt die Pobacken fest in den Sitz, die Wirbelsäule richtet sich auf und er sagt: „Wir alle haben doch eine Zukunft zu verlieren!“ Seine Stimme schwingt bei „Zukunft“ in einem melodramatischen Timbre. Trotzdem klingt der Satz, wie das Meckern von einer Ziege. Der Trainer fasst sich unwillkürlich mit der Hand an die Stirn, während er sich wie im Schmerz zu krümmen scheint. Er schafft es dabei gerade noch, nachdenklich zu erscheinen. „Gut, gut, aber es klingt ein wenig gehetzt, so, als wollten Sie sich verteidigen, Herr Bürgermeister. Werden Sie doch mal ganz locker. Sie regieren. Sie sind der Macher, der Mann. Die anderen müssen ihnen folgen. Machen sie eine klare Ansage, ganz souverän.“ Der Trainer vollführt während seiner suggestiven Beschwörung eine Art Tanz mit Einsatz des ganzen Körpers, während dem Bürgermeister deutlich die Krawatte zu eng wird.

 

Als Michael Roth seinen Zeigefinger hinter dem roten Knoten unter seiner Gurgel einhakt um sich unter dem Druck ein wenig Luft zu verschaffen, senkt der Trainer die Stimme plötzlich zu einem lockerem Plauderton und wechselt das Thema: „Okay, das üben wir noch. Wir schreiben ja zunächst am Konzept. Aber gerade da sollten sie daran denken: die Linie muss stimmig sein. Sie müssen glaubwürdig wirken. Sie sind der Führer. The Leader of the Pack. Und die Rede beim Lions-Club muss als Verlängerung dessen erscheinen, was sie bereits in der Zeitung anklingen lassen. Sie dürfen nicht hier über Zukunft reden, und dabei die Brücke aus der Vergangenheit zitieren. Also was wollen wir da nehmen?“ Seine Stimme blieb unangenehm in der Luft des Raumes hängen und dem Bürgermeister wurde noch etwas wärmer unter seinem gestreiften Anzug.

 

„Die Brücke ist so eine Art sozialer Klebstoff“, hat er in der Stunde letzte Woche gelernt. Damit leimt der Redner seine Zuhörer. Er fixiert sie mit etwas, was sie kennen. Dann bleiben sie brav sitzen und wollen auch den nächsten Satz noch hören. So lassen sie sich besser einseifen. Weil sie das hören, was sie hören wollen.  Das ist jetzt die Hausaufgabe aus der letzten Sitzung. Das kann er. Er hat nämlich mit seiner Frau darüber geredet. „Was machen die Leute denn alle gerne, Zwergilein“, hat sie ihn in der Küche gefragt. „Komm, das weißt sogar du.“ Als er immer noch nicht wusste, worauf sie hinaus wollte, half sie ihm auf die Sprünge: „Die Menschen gehen ins Kino, Zipfelmütze!“ Gerade als sie lasziv mit ihrer Orangina blubberte, ging Michael Roth ein Licht auf. „Woody Allen! Da waren wir doch gerade alle drin, in seinem neuen Film. Damit erscheint man gebildet, kultiviert und nachdenklich. Der Woody Allen soll auf mich abfärben! Ach bitte, bitte Schatzilein, such mir ein Zitat von Wood Allen im Internet. Am Besten eins, wo ‚Zukunft’ drin vorkommt!“ Auf diese Frage ist Roth also bestens vorbereitet.

 

„Wir nehmen ein Zitat von Allen“, sagt Roth nun ganz selbstbewusst. Der Trainer überspielt gekonnt eine irrational aufkeimende Unsicherheit: „Na, dann lassen sie hören“. Roth holt tief Luft und hebt an zu dem Satz, den er das ganze Wochenende lang mit seiner Frau geübt hat: „Man sollte die Verhältnisse nicht schlechter reden, als sie tatsächlich sind. Ich denke viel an die Zukunft, bekannte einmal der Filmkomiker Woody Allen, weil das der Ort ist, wo ich den Rest meines Lebens verbringen werde. Es ist uns nämlich nicht egal, wie wir den Rest unseres Lebens verbringen werden.“ Der Trainer scheint fast überrascht zu sein. Dann zwinkert er dem Bürgermeister zu. „Das ist aber jetzt nicht alles auf unserem Mist gewachsen, oder?“, fragt er vertraulich. Roth windet sich fast unmerklich: „Na ja, da hat mir meine Frau bei geholfen“. „So eine Frau ist immer brauchbar für die Karriere“, sagt der Trainer mit einem interessierten Blick auf seine Armbanduhr und fährt fort zu dozieren: „Da hauen wir noch ein paar Kinder hinten dran, die Gemeinschaft, sozialer Zusammenhalt darf nicht fehlen und wirtschaftliche Entwicklung ist ein Muss. Dann passt die Chose! Kontinuität, gepaart mit Altruismus ergibt eine Zukunft, wo auch was für uns rausspringt. Und keiner hat's gemerkt. Sehr gut, unsere Stunden scheinen langsam zu fruchten. Nächste Woche zur gleichen Zeit? Die Rechnung wieder an E plus? Wenn sie so weiter machen, werden wir noch Bundeskanzler!“, lacht der Trainer scherzhaft auf.

 

Überrascht schaut Roth auf seine Uhr. „Was, die Zeit ist schon wieder rum? Bitte schauen sie mir doch wenigstens noch schnell das Grußwort des Bürgermeisters zum Jahreswechsel durch, das jetzt schon im Stadtjournal erscheint. Ist das so in Ordnung?“ Der Blick des Trainers fliegt kritisch über den Text, während der Bürgermeister sich nervös im Bart kratzt. Dabei fallen ihm ein paar krause rotbraune Locken, versetzt mit weißen Schuppen auf das dunkelblaue Revers. „Wir kommen voran. Das sieht ja schon ganz manierlich aus", sagt der Trainer mit einem aufrichtigen Blick zu seinem Mandanten. Auch dem Management-Trainer fällt nicht auf, dass Woody Allen gar kein Komiker ist.

© Alle Rechte liegen bei den genannten Autoren.

so much
spacer