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Auf dem Weg zum Briefkasten dachte ich schon, es ginge immer so weiter mit der stramm prahlenden Parteipresse unseres Bürgermeisters. „Business as usual“, wie jeden Donnerstag. In Erwartung einer neuen Runde Lobhudelei mit Backenbildern des großen Vorsitzenden beim Baumpflanzen, dem fünfzigsten Rentnerfummeln oder zwanzigsten Gewerbelecken zogen wir die öde Postille lustlos aus dem Postkasten. Doch wer auch heute wieder feixende Politzwerge im Stile der klassisch realsozialistischen Pressekampagne im „Kurier“ erwartet hatte, wurde eines Besseren belehrt.
Es mag dem Einen oder Anderen vorgekommen sein, wie die Kulturrevolution im Kleinen. Zum ersten Mal sprang uns eine erschreckend ungeschminkte Wahrheit aus dem Titel des sonst so linientreuen Blattes an:
„Närrische Herrschaft in Bruchköbel“
Der Hof-Fotograf, der sonst ohne den hellen Schein bürgermeisterlicher Heiterkeit den Auslöser seiner Kamera nicht findet, traf wie im Traum genau den richtigen Moment und zeigt uns seinen Herrn überraschend privat, in natürlicher Pose. Eine zarte Pose, die er uns Bürgern hinter all der geifernden Kampfpresse so lange verbergen konnte. Das, was wir sonst nur im privaten Kreis zu sagen wagten, das, was wir uns heimlich hinter vorgehaltener Hand zuraunten, stand heute unverblümt in der Hofpresse des Bürgermeisters. Nein, das kann nicht der „Bruchköbeler Kurier“ sein, dachte ich in der ersten Begeisterung. Das ist die Prawda - die Wahrheit! Da es sich bei dem Blatt aber eindeutig um keines mit kyrillischen Lettern handelte, konnte ich mir diesen jäh auftretenden Realismus eigentlich nur als pressetechnischen Ausrutscher erklären. Hofmarschall Hestermann (volksmd.: Marschall Siebenstuhl), Meister aller Versammlungen und Kontrolleur des BK, weilte bei der Drucklegung wohl gerade auf einem der anstrengenden Empfänge wo es vielleicht etwas zu holen gibt, so dass eventuell untergeordnete Knallchargen in der verwaisten Redaktion diesen katastrophalen Lapsus produzieren konnten.
Beim Nachklang des närrischen Kontextes wird jedem, auch dem letzten Zweifler klar, warum eine belanglose Einladung der HGV-CDU-Koalition zum 30-jährigen Stadtjubiläum von ungewöhnlich schrillen Tönen begleitet wird. Eigentlich ist das Fernbleiben von parteiinternen Veranstaltungen des politischen Gegners Alltag in der Politik. Das ist kaum einen Leserbrief wert. Doch unter dem Narrenaspekt verstehen nun auch wir unbedarften Normalos die Skrupel der SPD, die offensichtlich als einzige politische Kraft in Dawillichleben den wahren Ernst der Stunde erfasst hat. Sie hat erkannt, dass ein so bedeutungsschwangerer Anlass nicht einfach von jungen Narren zelebriert werden darf, die nicht mehr auf die Alten hören wollen und nur Leute reden lassen wollen, die im Niveau nicht deutlich über ihnen liegen. Aber die Spaßgesellschaft ist taub. Sie bläst unter idiotischem Gröhlen feuchtfröhlich in ihre Tröten und lallt endlos dummes Zeug, das in den Ohren der CDU wie die Verheißung klingt. Wie immer wollen sie eigentlich nur in aller Ruhe feiern. Und so werden wir Zeuge, wie die Gemeinde ganz skrupellos von gefährlichen Narren an den Abgrund geführt wird. Narren, die mit erbärmlich kleiner Kasse und ganz großem Schlüssel im Rathaus das Sagen alleine haben wollen. Das wird wohl solange gut gehen, bis sich auch bei uns Luxuskarossen in Rauch auflösen. So, wie gerade in den Pariser Vororten. Bis auch bei uns dem gesellschaftlichen Außenseiter das Saure aufstößt. Und dann? Dann herrscht wieder der Pöbel, bei dem sich ja bekanntlich selbst die Narren nicht mehr wohl fühlen können. Zumindest hat uns das die deutsche Geschichte gelehrt. Aber welchen Narren interessiert das schon? |