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Der letzte analoge Mensch PDF Drucken E-Mail
Verfasst von Bill Bonner, Investor Verlag Bonn   
30.08.2005

Bill Bonner"It's the end of the world as we know it, and I feel fine ..." (REM). Ich habe letzte Nacht schlecht geträumt. Ich wurde von einer Kreatur, die wie der Terminator aussah, verfolgt. Sie hatte den Körper von Arnold Schwarzenegger und den Kopf von Al Gore.

Meine Tage sind mit Sicherheit gezählt. Ich verliere immer mehr Lebensraum. Der digitale Mensch ist schneller, stärker ... und schlauer. Und jetzt, wo er auch noch das Internet an seiner Seite hat, wird er jeden Tag schlauer ... Die kleinen Nullen und Einsen der digitalen Informationen werden durch seine Arterien gepumpt als wäre er direkt mit einem Cray Mainframe verkabelt.

Kann ihn noch irgendetwas aufhalten? Als Mutantenform ist er dem Informationszeitalter besser angepasst als ich. Während die Informationen meine Mailbox sprengen ... meinen Schreibtisch überfluten ... und fast jeden kleinen Funken zerebraler Impulse, den wir Analogmenschen 'Denken' nennen, erstickt – scheint Mr. Digital sich daran zu laben.

Die chemische Zusammensetzung von Brötchen, der Zugfahrplan von Paris nach Bordeaux, der Text des Schlagers "Louie, Louie" von 1966 – er hat alles im Kopf. Die Berechnungsgeschwindigkeiten verdoppeln sich alle 18 Monate, sagt Moores Gesetz, und der digitale Mensch gedeiht damit.

Mr. Digital ist mir mit Sicherheit überlegen. Er kann sich überall ins Internet einwählen ... er weiß, wie man den Videorekorder programmiert und kann deshalb wann immer er will seine Lieblingssendungen sehen – Wiederholungen von Star Trek vielleicht. Er kann sich sogar in die Computer des Weißen Hauses einhacken und die neusten Pornofilme sehen, ohne dass er dafür bezahlen muss.

Außerdem macht er nie den Fehler aus den Technologieaktien auszusteigen. Er weiß, dass die "New Economy" den Geschäftszyklus, den Kreditzyklus und auch den Wasch- und Schleuderzyklus überflüssig hat werden lassen. Andres als wir Analogmenschen, bricht der Homo Digitalis nie in Panik aus ... er schreckt vor nichts zurück ... er verkauft nie und seine Kleidung wird auch nie dreckig. Deshalb kommt er in den Genuss von Aktienkursen, die ewig steigen, abgesehen von kleineren Rückschlägen, die von uns Analogen ausgelöst werden.

Solange es andauerte war es gut. Ich beziehe mich hier auf meine Zeit auf der Sonnenseite des Lebens, auf die Zeit, als wir den Planeten Erde am Laufen hielten. Es passiert ja nicht jeden Tag, dass eine neue Gattung Mensch daherkommt. Das letzte Mal passierte es vor 100.000 Jahren. Und diese Gattung, das waren wir. Wir waren nicht notwendig schlauer als die armen Neandertaler ... aber wir müssen irgendeinen Dreh rausgehabt haben, vielleicht war es unsere Fähigkeit zu sprechen. Was auch immer es war, es hat uns einen entscheidenden Vorteil verschafft. Die Sprache hat es uns ermöglicht, mit anderen Informationen auszutauschen – und es so erlaubt, dass wir auf einem höheren Niveau zusammen arbeiteten. Während die Neandertaler sich auf ihre Grunzen und Schnaufen beschränken mussten – anstatt das Fernsehprogramm für einen durchschnittlichen Abend zu programmieren – war der Homo Sapiens in der Lage gemeinschaftliche Jagdpartien zu organisieren ... und wertvolle Informationen weiterzugeben, darüber wo es Fisch gibt und wo den besten Honig.

Nur wenige Jahrtausende später gehörten die Neandertaler der Geschichte an. (Außer dass ein paar Forscher davon ausgehen, dass die Neandertaler und der Homo Sapiens sich kreuzten und so die Gattung schufen, die wir heute alle so sehr lieben und schätzen.)

Und jetzt ist unsere Zeit gekommen. Eine neue Rasse kann besser kommunizieren als wir es können. Mit optischen Fasern, schnurloser Technik und Moore's Gesetz ... hat der Homo Digitalis die Oberhand gewonnen.

Aber meinen Sie, die Neandertaler wussten, dass ihre Zeit gekommen war? Haben sie um das Feuer gesessen so wie die Gruppe Schreiberlinge in einer Frühstückssendung und versucht herauszufinden, was schief gelaufen ist ... und warum sie der Auslöschung gegenüberstehen?

Ich weiß es nicht. Aber für die Rasse der Analogen das Wort ergreifend, denke ich, dass ein bisschen Seelensuche vielleicht nicht verkehrt ist. In dieser Hinsicht haben wir, wenn auch sonst nirgendwo, wenigstens einen kleinen Vorteil gegenüber unseren digitalen Kontrahenten ... Wie haben Seelen.

Was hätten wir also anders machen sollen? Wie hätten wir das Schicksal der Neandertaler für uns verhindern können?

Das Problem war, wenn ich die Situation mal philosophisch betrachte, dass wir das Ergebnis von Millionen von Jahren der Evolution sind. Von den Baumaffen, zu den Großaffen zu all den Menschenarten, die uns vorangegangen sind, dem Homo Erectus, dem Homo Habilus, dem Homo Neandertalis und all seinen Cousins und entfernten Verwandten – ich gehe zurück bis zu dem Punkt, wo Bakterien sich zusammentaten und beschlossen, zu kooperieren – nun, während dieser ganzen Zeit waren wir, nun, wie soll ich es sagen – launisch.

Veränderungen sind eines der Merkmale der Welt in der wir leben. Und wie eine Spiegelung, sind wir ein Ergebnis dieser Natur und damit auch veränderlich. An einem Tag sind wir ausgelassen und fröhlich, optimistisch und sorglos. Am nächsten sind wir übellaunig, kämpferisch und wir verkaufen unsere Aktien.

Yardeni hat Recht – "Fluktuationen sind eng an unsere Gehirne und an unser kollektives Verhalten gebunden." Es ist fressen oder gefressen werden ... Boom oder Zusammenbruch ... kaufen oder verkaufen ... Sünde oder Tugend ... Samstagnacht oder Sonntagmorgen.

Geben sie mir eine gute Investitionsgelegenheit, so wie den Nasdaq in den frühen Neunzigern ... und ich werde sie kaufen, solange, bis es keine gute Gelegenheit mehr ist. Immer überreagierend, nie zufrieden, so sind wir.

Sehen Sie sich doch einfach nur an, was gerade in Südkalifornien passiert. Vor hundert Jahren war es ein Paradies. Selbst vor fünfzig Jahren wäre es noch als Eden durchgegangen, verglichen mit heute. Aber wir können einfach nicht die Finger von den guten Dingen lassen. Heute ist die Gegend so überfüllt, dass man kaum mehr seinen Müll im Garten verbrennen kann, ohne dass jemand kommt und sich beklagt und fast jeder Meteorit der auf die Erde fällt tötet wenigstens einen Vegetarier.

Ich hätte vielleicht auch lernen können, das Internet zu benutzen, aber meine Haltung es zu übertreiben, was immer 'es' ist, war immer schon mein größter Mangel. Wie eine ungeöffnete Flasche Jim Beam vor einem Trunksüchtigen – war das mein Verderben. Und jetzt hat es mich eingeholt.

Vielleicht liegt hier das große Versprechen des Biotechnologiesektors. Eine kleine Anpassung der DNA und zack! sind wir alle digitale Menschen. Wir würden alle wie Al Gore sprechen, wie Henry Blodgett investieren und uns so kleiden wie Larry Ellison. Ich könnte ein digitaler Mensch werden, ein Mensch von Morgen.

Stattdessen bin ich abgelaufen. Ein Ex-. Ein Relikt. Bald wird man mich in Glaskästen ausstellen, in irgendeinem staubigen Museum, das aus den Töpfen von Larry Ellison finanziert wird oder aus denen eines anderen digitalen Typen mit Sinn für Humor. Auf der Vitrine wird eine Aufschrift sein:

Homo Analogiens, vermutlich erschienen 100.000 v. Chr. Letztes Exemplar starb völlig Pleite 2032.

Das wäre mir sicher ein Titelbild auf der TIMES wert ... und vielleicht auch eine Abschiedsparty auf der alle "Nehmt Abschied Brüder" singen.

Aber, für die gesamte Rasse der analogen Menschen sprechend, möchte ich 'Auf Wiedersehen' sagen. Ich bereue nichts. Es war gut, solange es währte. Wir haben getan, was wir konnten. Que sera sera.

Ich bin analog, und das ist auch gut so.

© Alle Rechte liegen bei den genannten Autoren.

so much
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