|
"Freiheit" scheint der Fluch der heutigen Generation zu sein – zumindest von dem Teil, der durch den neokonservativen Flügel der US-Republikaner vertreten wird. Sie haben auf "Freedom Fries" (Freiheits-Fritten) für die Nation bestanden. Es gibt einen "Freedom Tower", der sich aus den Ruinen des World Trade Centers erheben wird. Und dann sehen sie die "Verbreitung von Freiheit" nicht nur als eine Freizeitbeschäftigung an, sondern halten es für ihre Pflicht:
Michael Ignatieff schreibt in einem Beitrag mit dem Titel "Wer sind diese Amerikaner, die glauben, es sei ihre Aufgabe, die Freiheit zu verbreiten?" Folgendes:
"Dieser Spieler aus Texas hat seinen Platz in der Geschichte mit einer Behauptung verwettet, als er in einer Rede im März kundtat, dass amerikanische Präsidenten über Jahrzehnte' zur Erreichung von Stabilität die Tyrannei entschuldigt und unterstützt haben' und so den Hass der Fanatiker im Mittleren Osten angestiftet haben, die dann zwei Flugzeuge in das World Trade Center gelenkt haben."
Dieser Satz braucht einige Anmerkungen. Der erste Teil ist relativ einfach. Der letzte Teil benötigt eine Dechiffrierung. Schauen wir uns das einmal an. Die Amerikaner haben Saddam Hussein vor einigen Jahren nicht aus dem Irak herausbekommen, deshalb sind die Fanatiker in Manhattan eingefallen. Hmmmm ... ich muss am Ball bleiben, sonst bringe ich keinen Sinn in diese Sache.
"Dieser Präsident machte bei seiner Rede zur zweiten Amtszeit deutlich", fährt Ignatieff fort, "dass er die Stabilität und die Freiheit zusammengelötet habe: 'Amerikas entschiedenes Interesse und unser tiefster Glaube sind heute vereint.'"
Das ist logisch betrachtet eine perfekte Aussage. Ich weiß nicht, was meine entschiedenen Interessen sind. Auch weiß ich nicht, was mein tiefster Glaube ist. Dass sie vereint sind, lässt sich ebenso wenig bestreiten, wie es bedeutungslos ist. "Was an Jeffersons Traum (von der Freiheit) so außergewöhnlich ist", fährt er schließlich fort, "ist, dass es sich dabei um die letzte imperiale Ideologie handelt, die sich auf der Welt noch halten konnte, der einzige Überlebende unter den nationalen Forderungen von allgemeiner Bedeutung. Alle anderen – die der Sowjets, der Franzosen und der Briten – sind heute auf den Aschehaufen der Geschichte verbannt."
Er hat vergessen, die Griechen, die Römer, die Hethiter, die Phönizier, die Karthager, die Majas und so weiter zu erwähnen. Alle imperialen Ideologien und alle Generationen sind schließlich auf dem Aschehaufen der Geschichte geendet. Aber Ignatieff kann sich einfach nicht vorstellen, dass irgendein Ersatzspieler nur darauf warten könnte, die Führungsrolle zu übernehmen, wenn sich das amerikanische Imperium irgendwann ans Herz fast und auf dem Bühnenboden zusammenbricht ... noch kann er sich irgendein imperiales Glaubensbekenntnis vorstellen, das einmal den Platz des amerikanischen Rufs nach Freiheit ersetzen könnte.
Die Freiheit im Irak zu verbreiten, ist vielleicht ein kostspieliges, mörderisches Projekt, schreibt Ignatieff, aber Sie müssen einfach glauben:
"Dass es nichts Schlimmeres gibt, als zu glauben, dass der Sohn oder die Tochter, der Bruder oder die Schwester, der Vater oder die Mutter, vergeblich gestorben sind. Selbst die, die gegen den Krieg im Irak waren, die geglaubt haben, dass die Hoffnung Demokratie zu säen die Amerikaner in kriminelle Dummheiten getrieben habe, werden denjenigen, die gestorben sind, nicht sagen wollen, dass sie ihr Leben vergeblich hergegeben haben. An dieser Stelle muss Jeffersons Traum eingreifen. Es ist das endgültige Ziel im amerikanischen Leben, den Verlust zu tilgen, das Opfer aus der Vergessenheit zu befreien und ihm seinen leuchtenden Zweck zu verleihen." Es ist also mit anderen Worten sein wahrer Zweck, die Leute dazu zu bringen, einzusehen, dass das Team um Bush die Jungs nicht umsonst in den Tod geschickt hat.
Wenn es auf der Welt wirklich Fortschritt gibt – außerhalb der Technologie – dann ist es in Form einer Bewegung hin zur Zivilisation, mit der Geschwindigkeit eines Gletschers. Nur sehr langsam haben die Männer die Gewalt zugunsten der Überredung aufgegeben. Und immer noch sind die explosive Wildheit, die Verlockungen des Imperiums und die Machtgier niemals weit entfernt.
Der römische Kaiser Caracalla besuchte ein Wagenrennen, bei dem viele der Zuschauer anfingen, seinen liebsten Wagenlenker auszubuhen. "In Vertrauen auf seine Reputation für Grausamkeit", schreibt Ramsay MacMullen, "befahl er den Soldaten, diejenigen, die den Fahrer beleidigt hatten, einzukreisen und zu töten."
Sechzig Generationen später hat Stalin etwas Ähnliches getan. Seine Offiziere haben sogar die römische Praxis der Dezimierung wieder eingeführt – sie töteten jeden Zehnten aus den Einheiten, die sich in Stalingrad als schlecht erwiesen hatten.
Auch Stalin war sich sicher, dass die Geschichte in seine Richtung weiterlaufen würde. Marx, Engels und Lenin, sie hatten ihm alle gesagt, dass die "Dialektik" mit dem Sieg des Proletariats zu einem Ende kommen würde. Wie konnte er wissen, dass 47 Jahre später fast nichts mehr davon übrig geblieben ist.
Aber jetzt liegt die Schlacht von Stalingrad 53 Jahre zurück. Das Amerika von Jefferson, in dem die Leute daran erinnert wurden, sich um ihre eigenen Angelegenheiten zu kümmern – ist ebenfalls Geschichte. Und jetzt gibt es nur noch eine einzige imperiale Ideologie. Die letzte, die größte Generation hat sie hochgehoben, so wie ein Schulschwänzer eine Handgranate hochhebt. Es gibt ihm ein Gefühl der Macht – solange, bis er sich selbst in die Luft jagt.
Dass sie sich bisher noch nicht in die Luft gejagt hat, gibt große Hoffnung für den vierten Juli – den amerikanischen Nationalfeiertag.
Wir danken dem Investor Verlag Bonn für die freundliche Überlassung des Artikels. Investor's Daily, den kostenlosen täglichen E-Maildienst für Investoren können Sie hier anfordern: www.investor-verlag.de |